LUXEMBURG
MARCO MENG

Der Investor William Browder über die Gefahr, in Putins Reich zu investieren

Zum ersten Mal seit dem Mittelalter steht in Europa wieder ein Toter vor Gericht: Dem vor fast vier Jahren im Gefängnis verstorbenen Anwalt Sergej Magnizkij wird in Moskau wegen Steuerhinterziehung der Prozess gemacht. Sein Fall hatte international für Empörung gesorgt. Der Jurist hatte russische Beamte der Korruption beschuldigt und wurde wenig später von eben diesen Beamten festgenommen. Als Reaktion erließ der US-Kongress im Dezember ein Gesetz unter dem Namen des Verstorbenen, das die involvierten russischen Beamten sanktioniert. Russland verbot darauf die Adoption russischer Kinder durch US-Bürger.

1996 begannen Sie mit dem Hermitage Capital Fund in Russland zu investieren. 2005 wurde Ihnen plötzlich die Wiedereinreise verweigert, warum?

William Browder Das war mir damals auch nicht so klar. Ich hatte ein gültiges Visum, lebte ja die meiste Zeit in Moskau. Ich war damals der größte ausländische Investor in Russland. Dadurch, dass wir die Firmen, in die wir investierten, analysierten und immer wieder Korruption aufdeckten, machten wir uns natürlich nicht nur Freunde.

Angefangen haben Sie mit 25 Millionen Dollar.

Browder Ja. Durch die Strategie, die ich anwandte, lohnende Unternehmen am Aktienmarkt herauszufinden, in die man investieren konnte und die sich entwickeln. So wuchsen die Assets am Ende auf vier Milliarden Dollar. Als mir dann plötzlich die Wiedereinreise verweigert wurde, war mir klar, dass dieses Geld in Gefahr ist, und ich zog es sofort aus Russland ab.

Das heißt, Sie persönlich haben kein Geld verloren?

Browder Weder ich noch einer meiner Investoren. Wer bestohlen wurde, war der russische Staat. Im Januar 2007 traf ich Medwedew, damals Ministerpräsident, in Davos und erzählte ihm von dem Fall. Er versprach, mir zu helfen. Tatsächlich wurde es dann aber noch schlimmer. Die Moskauer Niederlassung meiner Firma wurde durchsucht. Unterlagen der Unternehmen, in die wir investierten, Stempel und so weiter wurden dabei beschlagnahmt. Kurz darauf stellten wir fest, dass diese Firmen auf andere Besitzer umgeschrieben wurden. Da beauftragten wir Sergej Magnizkij herauszufinden, was es damit auf sich hat, und er stellte schnell fest, dass die Beamten der Finanzverwaltung, die zuvor die Büros durchsucht hatten, dahinter steckten und nicht nur die Unternehmen gestohlen worden waren, sondern auch Steuern in Höhe von 230 Millionen Dollar, die wir bezahlt hatten. Da wir damals davon ausgingen, dass es sich hier um gewöhnliche Kriminelle handelte, erstatteten wir Anzeige. Einen Monat später wurde Magnizkij zuhause verhaftet, von denselben Männern, die er wegen des Diebstahls unserer Geschäftsunterlagen angezeigt hatte, sechs andere Anwälte der Kanzlei verließen das Land.

Kurz bevor Magnizkij laut russischer Gesetzgebung hätte entlassen werden müssen, weil es zu keinem Prozess kam, starb er im Gefängnis.

Browder Ja, wenige Tage vorher, und wie man weiß, nachdem er körperlich misshandelt worden war.

Seitdem haben Sie die halbe Welt in Bewegung gesetzt, um auf diesen Fall aufmerksam zu machen, vom ehemaligen US-Justizminister Ashcroft bis zur OECD, mit dem einzigen Ergebnis, dass Russland ein Adoptionsverbot russischer Kinder für US-Bürger erließ.

Browder Magnizkij hatte mehr als 400 Proteste aus dem Gefängnis geschrieben, der ganze Fall ist akribisch genau protokolliert: wer tat es, wo und wie. Das Erschreckende ist an diesem Fall, dass jeder dieser kriminellen Beamten von der russischen Regierung geschützt und sogar noch befördert wird. Durch den „Magnizkij-Act“ der US-Regierung und durch das EU-Parlament wird nun den darin verwickelten Leuten die Reisefreiheit genommen. Die harsche russische Reaktion zeigt zweierlei: diese Leute tun alles, um ihr Geld zu schützen, und zweitens, dass man mit dem Magnizkij-Gesetz ins Schwarze getroffen hat.


Sie gehen also davon aus, dass dieses Verbrechen tatsächlich vom Kreml unterstützt wurde?

Browder Ja, der Fall zeigt, dass Russlands Präsident alles tut, seine korrupten Beamten zu schützen. Das ist das System Putin. Nicht Kriminelle in der Regierung, sondern eine kriminelle Regierung.

Sie haben nach den chaotischen 1990er Jahre Putin unterstützt, selbst noch, als der Chodorkowskij wegen Steuerhinterziehung verhaften ließ, was er mit allen Oligarchen hätte machen können. Hatten Sie sich in Putin geirrt?

Browder Ja, vollkommen. Nach der Jelzin-Zeit schien mir Putin der Mann, der Ordnung schafft. Bei Chodorkowskij glaubte ich, er würde gegen die Oligarchen vorgehen, was er aber gar nicht tat.

Im Januar war wieder das Weltwirtschaftstreffen in Davos, und Medwedew warb für Investitionen in Russland und sagte, keinen ausländischen Investor würde der Fall Magnizkij interessieren.

Browder (lacht): Was ich sagen kann ist: jeder Investor spricht über den Fall Magnizkij, und Herr Medwedew tut 50% seiner Zeit auch nichts anderes als über genau diesen Fall zu reden. Ich war auch jetzt wieder in Davos und sah, wie Medwedew versuchte, jeden von allem zu überzeugen. Und jeder weiß, es ist nicht wahr, was er sagt. Dieser Fall zeigt eines deutlich: wie sich Russlands Regierung mit kriminellen korrupten Beamten verbündet, um darauf ihre Herrschaft aufzubauen. Dieser Fall wird das Watergate von Russland werden.

Heute investieren Sie nicht mehr in Russland, aber ihr Fonds ist nach wie vor aktiv. Wo investieren Sie heute?

Browder In Schwellenländern, in denen die gesetzlichen Rahmenbedingungen fest sind: Taiwan, Korea, Türkei, Südafrika. Auch Länder, in denen es Probleme gibt, aber lange nicht so extrem wie in Russland. Ich nutze zum Beispiel auch die Informationen, die Transparency International über ein Land hat.

Wie glauben Sie, wird der Fall gelöst werden? Wird er gelöst werden?

Browder Von dem jetzigen Regime in Russland, einer Regierung, die die Leute bestiehlt und keinen Rückhalt in der Bevölkerung hat, sicherlich nicht. Und die Menschen wissen dank Internet Bescheid. Bis zu einem Regimewechsel will ich dafür sorgen, dass diejenigen, die in diesem Fall Geld gestohlen und zum Teil ins Ausland geschafft und einen Menschen getötet haben, keinen Zugriff darauf haben. Und wenn das Putin-Regime fällt, werden sie keine Möglichkeit haben, das Land zu verlassen und ihrer Verantwortung zu entfliehen.