LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Der delikate Moment des Geschenkeauspackens

Die Weihnachtstage liegen schon wieder hinter uns und jetzt kehrt allmählich etwas Ruhe ein, bevor sich unser innerer Partylöwe an Silvester noch ein letztes Mal aufbäumen und dann mit einem lauten sektrülpsenden Brüllen um Mitternacht endgültig davonmachen wird. Wie sie so war, unsere Weihnachtszeit? Vor allem stressig! Doch warum empfinden wir das so? Ganz einfach: Die Geschenke, das sind die Missetäter!

Eine Falle?

Tatsächlich machen Geschenke vieles unnütz kompliziert. Besonders dann, wenn es heißt, man solle doch bitte keine kaufen. Dann muss man erst mal raten, ob diese Aufforderung ernst gemeint ist oder ob es sich nur um eine besonders fiese Falle handelt, in die man bloß nicht als einziger tappen sollte. Ähnlich verwirrend ist die nüchterne Feststellung, Weihnachten sei zu einem Fest der Geschäfte verkommen. Was will mir diese Person, die das behauptet, damit mitteilen? Wünscht sie sich einfach ein bisschen Zustimmung oder deklariert sie damit offiziell das Verbot, auch nur einen Fuß in einen Laden zu setzen? Liebes Langenscheidt, wo bleibt mein Wörterbuch „Weihnachten-Mensch, Mensch-Weihnachten“?

Lange Jahre habe ich mich in der Tat mit meiner Familie geeinigt, dass wir uns nichts schenken und dass wir stattdessen einmal außerhalb der Feiertage essen gehen werden. Die nicht-eingelösten Restaurantbesuche häuften sich, die nicht-vorhandenen Geschenke unter dem nicht-vorhandenen Weihnachtsbaum ebenso, bis wir irgendwann so viel Unverständnis unserer schenk- und einheims-eifrigen Mitmenschen geerntet haben, dass wir selber eingesehen haben, dass es doch ganz schön wäre, wenn von Weihnachten etwas mehr übrigbliebe, als die gemästete Weihnachtsgans. Also beschenken wir uns jetzt wieder. Und das, obwohl wir uns nach wie vor schwören, es zu unterlassen.

Der Test

Und so kommt das Christkind nun wieder zu uns und bringt uns nicht nur unnützes Zeug, über das wir uns doch meist freuen, sondern auch die unangenehme, beinahe peinliche Aufgabe, das Geschenk an uns auszupacken. Und genau das hasse ich, Verpackungen. Ich weigere mich, meine Geschenke einzupacken, weil ich nicht möchte, dass die ästhetische Hülle auf den ersten Blick mehr hergibt als das, was sie enthält. Zudem bin ich bin eine ordnungsliebende Person und eine, die keinen Schnipsel Papier verschwenden möchte und das stellt mich vor ein Dilemma, wenn ich selbst ein eingepacktes Bündel in die Hand gedrückt bekomme. Denn es steht für mich absolut außer Frage, das Papier einfach ab- und kaputtzureißen. Wenn ich die Klebestreifen aber ordentlich und in Ruhe beseitigen will, ohne etwas zu beschädigen, dann erzeuge ich ungewollter Weise Spannung. Alle Blicke sind auf mich gerichtet, ich signalisiere, dass ich mich jetzt schon ungemein über das freue, was das Päckchen enthält und der Druck auf mir steigt ins quasi Unermessliche. Ich presse die Lippen zusammen und bin hochkonzentriert, überlege mir schon mal in meinem Kopf, welchen Blick ich aufsetzen muss, um möglichst überrascht auszusehen, führe ihn mir immer wieder vor Augen und versuche mich daran zu erinnern, welche Gesichtsmuskeln ich wie verwenden muss.

In dem Moment werde ich unachtsam, achte nicht darauf, was meine Hände tun und dann ist es auch schon passiert, dann ist das Papier doch kaputt und hängt in Fetzen herunter. Ich habe versagt! Aber ich kann mich nicht lange mit meiner Niederlage aufhalten, ich muss mich jetzt wieder auf mein Gesicht konzentrieren, das darauf reagieren muss, was es da schon zum Teil zu sehen gibt unter den Papierkadavern und ich sage panisch: „Oh, wie schön sie sind!“. Ich sehe, zu spät, dass es keine Ohrringe sind sondern ein Armband und dass ich offensichtliche das falsche Pronomen verwendet habe. Und dann ist es vorbei. Das Spiel ist vorbei. Game over.

Jetzt wissen alle, dass meine Reaktion keineswegs spontan sondern durchgeplant und einstudiert war, aus Angst, den Erwartungen ansonsten nicht gerecht zu werden. Es folgt die abermals erwartungssteigernde und druckaufbauende Frage: „Gefällt es dir?“ und wieder gebe ich unter Schweißperlen eine einstudierte Antwort wieder, lege das Armband schnell an, auch wenn mein Arm schon lange behangen ist, wie ein Christbaum, und versuche, mich den ganzen Abend lang immer mal wieder daran zu erfreuen, indem ich es ansehe und bewundere. Aber eigentlich sehe ich gar nicht hin, denn ich will nicht beobachtet werden, wenn ich beschenkt werde, ich will, dass Geschenke etwas Intimes sind und dass ich es für mich allein betrachten und bewundern kann.

Symbolische Ausdruckskraft

Jetzt, nachdem die Feiertage vorbei sind, kann ich es in aller Ruhe ansehen und mir darüber klarwerden, was es mir bedeutet. Trotzdem schenke ich lieber selbst, als beschenkt zu werden. Denn zu schenken ist letztlich auch ein Test, wie gut man sein Gegenüber kennt, wie leicht es einem fällt, etwas Passendes für sie oder ihn zu finden und wie sehr man ihren oder seinen Geschmack trifft. Auch gibt einem das die einmalige Gelegenheit, etwas von sich mit- und preiszugeben. Denn ein Geschenk sagt nicht nur etwas darüber aus, wie wir den anderen einschätzen, sondern auch darüber, was wir bereit sind mit ihm zu teilen und auf welche Gemeinsamkeiten wir ganz besonders viel Wert legen. Das Geschenk, das ist die Mitte, der symbolische Ort, an dem wir uns treffen; ein Geschenk vereint das „du“ und „ich“ zum „wir“.