DÜDELINGEN
JAN SÖFJER

Vor gut einem Jahr bekam die Wildtier-Pflegestation in Düdelingen eine neue Leitung. Die Anlage sollte professioneller aufgestellt werden. Was hat sich getan?

Nur der Kopf der Ringelnatter schaut aus dem Dunkel des hohlen Stammes. Die Schlange mag offenbar keine Menschen und fügt sich damit gut in die neue Philosophie der Pflegestation für wilde Tiere in Düdelingen ein. „Wir wollen, dass die Tiere, die wir hier pflegen so wenig Kontakt mit uns haben wie möglich, damit sie sich nicht an Menschen gewöhnen. Damit sie wild bleiben“, sagt Stationsdirektorin Marie Kayser. „Füchse füttern wir nur noch über eine Klappe, mehr als die Hand sehen sie nicht.“

Im September 2015 trat Kayser als Direktorin der Station an. Erstmals wurde mit ihr dieser hauptberufliche Posten eingeführt. Bis dahin führten Tessy Koster und die Tochter des Stationsgründers Jean François, Carole François, die Anlage ehrenamtlich neben ihren Jobs.

Hungertage

Der Führungswechsel lief nicht reibungslos und optimal ab, doch der neue Anspruch an die Einrichtung war eindeutig: ausbauen, modernisieren, professionalisieren. Alleine schon um die Auflagen des Umweltministeriums auch künftig erfüllen zu können. Was hat sich seitdem getan? Marie Kayser und Roby Biwer, Präsident des Trägerverbandes „natur & ëmwelt“, klären vor Ort auf. Es beginnt beim Futter. „Bei den Vögeln haben wir nun auf Insekten umgestellt“, sagt Kayer. Andere Tiere bekommen statt Dosenfutter artgerechteres rohes Fleisch.

Die Menge des Futters variiert. Und an einem Tag in der Woche gibt es gar nichts. Der Hungertag. „In der Natur gibt es auch nicht jeden Tag etwas“, erklärt Kayser. „Die Tiere geraten dann nicht gleich in Panik, wenn sie wieder ausgewildert sind und mal nichts zu fressen finden.“ Junge oder verletzte Tiere bekommen aber immer das volle Pensum.

Auch die Auswilderung wurde geändert. Es gibt nun in Absprache mit dem Förster Gehege im Wald, da kommen die Tiere zwei, drei Wochen rein, werden täglich gefüttert, aber erleben schon die Ruhe des Waldes. Anschließend wird die Tür offen gelassen und die Tiere können selber entscheiden, wann sie bereit sind, rauszugehen. Wildkameras halten alles fest.

„Wir sehen, wie lange sie zurückkommen und wenn es ihnen nicht gut geht“, sagt Roby Biwer. Dazu bekommen demnächst einzelne Füchse, Dachse oder Wildkatzen GPS-Halsbänder (die irgendwann von selbst abfallen), um nachvollziehen zu können, wie sich die Tiere verhalten, ob ausgewilderte Gruppen zusammenbleiben und wie sie sich in ihren Revieren bewegen. Biwer erhofft sich dadurch sattelfeste Daten für das Umweltministerium und die Forschung. Eine Studentin und langjährige Helferin der Station schreibt sogar ihre Bachelorarbeit über das Tracking-Verfahren.

Neues Stationsgebäude und mehr Gehege

Das größte Projekt startet indes erst im kommenden Jahr richtig: die Erweiterung des Geländes von 37 auf über 110 Ar und der Bau etlicher neuer Gehege sowie eines neuen Stationshauses. Dann wird endlich auch der Veterinär genug Platz haben. Bislang ist es schon eng, wenn ein verletztes Reh behandelt werden muss. Wenn ein Hirsch kommt, hat der Veterinär ein Problem.

Operationen, Behandlungen, Laboranalysen: Alles wird in einem Raum gemacht. Alleine für die Hygiene ist das unglücklich. Im neuen Haus werden die Räume getrennt sein. Immerhin: Die Wochenstunden des Veterinärs wurden bereits von sechs auf 20 Stunden erweitert. Doch das größte Problem bleibt: Platz.

„Wir haben nur ein Drittel der Kapazitäten, die wir brauchen“, sagt Kayser. „Wir müssen ständig Käfige und Gehege überbelegen oder Tierarten mischen.“ Steinkauz und Igel oder Kleinvögel und Tauben könne man zusammenlegen, aber es gebe Grenzen. „Wir wollen für alle Tiergruppen eigene, angemessene Gehege haben.“ Und dazu zählt Kayser auch Tierarten, die bald in Luxemburg auftauchen könnten: Luchse und Goldschakale etwa. Und natürlich: Wölfe.

Anfang im Keller

Zur Station

Jean François begann 1988 damit, im Keller des Düdelinger Familienhauses verletzte Wildtiere aufzupäppeln. Die Station im Park Le’h wurde im Jahr 2002 gebaut. Pro Jahr werden über 2.000 Tiere dort gepflegt. 2015 waren es 2.500 Tiere , 2016 2.200. Aktuell befinden sich rund 120 Tiere in der Pflegestation, darunter Igel, Fledermäuse, Schwäne, Bussarde, ein eine Woche alter Dachs und eine Ringelnatter.