LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Als Undercover-Journalistin bei der „Konferenz der wesentlichen Dinge“

Wenn man eigentlich nur stiller Beobachter sein will und es dann heißt, „nein, das geht so nicht“, muss man wohl oder übel, sozusagen als Undercover-Journalistin, mitmischen. Mit einer gewissen Nervosität, oder nennen wir es aufgeregte Vorfreude, betrete ich an diesem Mittwochvormittag die „Rotondes“. Ich habe mich zur „Konferenz der wesentlichen Dinge“ angemeldet: eine interaktive Performance oder vielmehr ein „theatrales Gesellschaftsspiel“ der deutschen Performancegruppe „pulk fiktion“. Ein paar gespannte Kinderaugen schauen mich an, als ich mir mein Namensschildchen anstecke. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, jetzt muss ich mich zum Affen machen und Theater spielen. Ob sie auch so aufgeregt sind wie ich? Bestimmt nicht, weil Kinder sich ja gar nicht erst so viele Gedanken machen wie wir Erwachsenen. Bis zu diesem Zeitpunkt bin ich jedenfalls felsenfest genau davon überzeugt. Im Laufe der nächsten zwei Stunden werde ich allerdings eines Besseren belehrt.

Einzige Regel: Jeder hat das Sagen

Die beiden Performancekünstler, beziehungsweise Spielleiter, Norman Grotegut und Manuela Neudegger lotsen uns - neun Erwachsene und fünf Kinder - in den Saal an unseren Spieltisch. Jeder hat eine Art Konsole mit einem roten und einem grünen Knopf sowie einem herausziehbaren Hörer vor sich. „Herzlich willkommen bei der Konferenz der wesentlichen Dinge. Heute geht es um Wesentliches“, tönt es aus einem Lautsprecher. Wir sollen Familie spielen. Ich bin immer noch skeptisch. Immerhin dürfen wir die Spielregeln selbst bestimmen. Allerdings sollen die Erwachsenen dem Impuls widerstehen, die Kinder zu ermahnen oder zu belehren, derweil die Kinder nicht das machen müssen, was die Erwachsenen sagen, diese Rollen sind nämlich für die nächsten zwei Stunden außer Kraft gesetzt. „An diesem Tisch hat niemand mehr oder weniger Macht, nur weil sie oder er älter ist. Hier hat jeder das Sagen. Das ist die einzige Regel dieser Konferenz. Alles andere entscheidet Ihr“, erklärt die Stimme aus dem Lautsprecher. „Na, das kann ja heiter werden“, denke ich. Und doch ist die Entscheidung längst gefallen: Ja, ich werde mich darauf einlassen. Nicht, dass ich noch eine Wahl hätte…

Eigendynamik

Aus dem anfänglich schüchternen Lachen unserer bunt zusammengewürfelten Gruppe wird schnell schallendes Gelächter. Das Eis ist nach wenigen Minuten gebrochen. Auch ich fühle mich wohler, drücke je nach Frage mal den grünen, mal den roten Knopf, abhängig davon, ob ich mit etwas einverstanden bin oder eben nicht. Wenn das rote Lämpchen an meiner Konsole aufleuchtet, halte ich mir den Hörer ans Ohr und tue, was mir die Stimme sagt, schreie bei drei laut auf, flüstere meinem Nachbar etwas ins Ohr, gebe zu, dass ich mich vergangene Woche mindestens einmal ungerecht behandelt gefühlt und noch dazu irgendetwas zum ersten Mal gemacht habe. Was genau, bleibt natürlich mein Geheimnis. Nachdem die ersten Hemmungen überwunden sind, stellen wir unsere Spielregeln auf, beziehungsweise stimmen über zehn vorgegebene Regeln ab, müssen allerdings für jede abgelehnte eine neue finden. Sehr schnell entwickelt das Ganze eine Eigendynamik, es werden angeregte Diskussionen geführt, sodass sich unsere beiden Spielleiter Manu und Norman getrost zurückziehen können und nur eingreifen, wenn unser Spiel zu sehr ins Stocken gerät. Dann sind sie da, um geschickt, mit viel Humor und Scharfsinn, wieder eine Gesprächs- und Verhandlungssituation auf Augenhöhe zu schaffen.

Überrascht stelle ich fest, zu welch erstaunlichen Gedankengängen „unsere“ Kinder fähig sind. Sie haben mich längst in ihren Bann gezogen. Selten hatte ich in diesem Jahr so viel Spaß bei einer Konferenz. Und um wesentliche Dinge ging es tatsächlich, nämlich insbesondere um die Frage, was passiert, wenn Familie nicht mehr der Natur gehorchen muss. Wir probieren es aus, gehorchen, widersprechen, stimmen ab, spielen Politik, essen zwischendurch Kuchen, diskutieren, lachen, beobachten und staunen. Ziel ist es nicht, allgemeingültige Antworten zu finden, sondern unseren Blick zu öffnen.

Einmal Kind, immer Kind

Mir geben zum Schluss besonders die Aussagen der Kinder zu denken, die erklären sollen, was ein Erwachsener in ihren Augen überhaupt ist. „Eine Person, die mehr Macht und mehr Erfahrung hat“ klingt noch nachvollziehbar. Auch die Beschreibung, „jemand, der Entscheidungen treffen kann“, leuchtet ein, obwohl sich die achtjährige Hannah sofort dagegen wehrt, denn „auch ein Kind sollte entscheiden dürfen, wenn seine Idee besser ist“. Das findet auch der zehnjährige Max, der noch dazu erklärt, dass es für ihn einen klaren Unterschied zwischen „erwachsen sein“ und „ein Erwachsener sein“ gibt. „Erwachsen sein, hat nichts mit dem Alter zu tun, das ist bei jedem anders, und irgendwie bleibt man doch immer auch ein bisschen Kind“, ist er sich sicher. Und genau das haben ausnahmslos alle Teilnehmer an diesem Vormittag so empfunden. Die Undercover-Journalistin ebenfalls.

NACHGEFRAGT

Jedes Mal anders

Rund 60 Vorstellungen der „Konferenz der wesentlichen Dinge“ haben die beiden Performancekünstler Manuela Neudegger und Norman Grotegut bereits gegeben. Selbstverständlich ist jede Vorstellung anders, weil die Gruppe ändert und somit nichts nach Drehbuch läuft. „Natürlich ist man immer etwas nervös, weil man das Publikum nie einschätzen und demnach auch nie alles genau vorbereiten kann. Trotzdem hat sich inzwischen eine gewisse Routine eingespielt. Schief gelaufen ist das Ganze noch nie“, erklärt Norman. „Die ersten Male waren wir ein bisschen unsicher und haben deshalb öfter eingegriffen. Ohne Publikum konnten wir ja nicht wirklich proben. Die Premiere war sozusagen unsere erste Probe. Am Anfang hatten wir also etwas Angst, dass sich die Leute langweilen. Inzwischen wissen wir aber, dass es besser ist, wenn wir uns öfter zurückziehen, weil sich die Teilnehmer dann mehr trauen, mehr selbst spielen, statt sich zurückzulehnen und uns die Spielführung zu überlassen“, meint Manu. „Die Dynamik ist immer ganz unterschiedlich, genau wie die Diskussionen, die geführt, oder die Regeln, die aufgestellt werden, demnach der ganze Spielverlauf“, fügt sie hinzu. Spaß macht es aber immer.