LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Anspruchsvoller Konzertabend mit Schubert, Tschaikowsky und Brahms in der Philharmonie

Für lockere und gute Stimmung sind die Werke des Wiener Komponisten Franz Schubert, zumal als Auftakt einer längeren Soiree mit zwei großangelegten konzertanten Meisterwerken, immer ein Garant. So begann das Konzert am Dienstag auch mit der leicht verdaulichen Ouvertüre zu Schuberts Singspiel „Die Zauberharfe“, die als „Rosamunde“ häufig auf den Spielplänen der großen Sinfonieorchester auftaucht. Locker und mit dem nötigen Elan bereiteten die Musiker des OPL unter Leitung ihres Chefdirigenten Gustavo Gimeno mit diesem lieblichen Melodienreigen und den graziösen Rhythmen auf einen anspruchsvollen Konzertabend vor, der in jeder Hinsicht die Erwartungen des enthusiastischen Publikums erfüllte.

Ein Gassenhauer unter den berühmten Geigenkonzerten, die das obligatorische Repertoire eines jeden Vorzeigeviolinisten bestimmen, ist ohne Zweifel das vielgespielte Konzert in D-Dur des russischen Komponisten Peter Iljitsch Tschaikowsky, das die Brillanz des Solisten sowohl in romantischer wie kontrastreicher Art und Weise mit allen Inhalten technischer und klanglicher Möglichkeiten dieses Instruments, beleuchtet.

Erfolgsserie „Grands Classiques“

Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr, und diesmal zudem als Eröffnungskonzert der Erfolgsserie „Grands Classiques“, offerierte das OPL die Premiere einer großangelegten Konzertreise in ihrem Stammsitz auf Kirchberg. Nachdem im Juni die chinesische Klaviervirtuosin Yuja Wang, die mittlerweile als Stargast in zahlreichen TV-Events präsent ist, als Auftakt einer Europatournee mit Konzerten von Ravel und Schostakowitsch glänzte, war diesmal anlässlich ihrer Südamerikagastspiele die Reihe an dem beliebtesten Violinkonzert der russischen Musikliteratur. Leider war der Abend durch die Absage der vorgesehenen Solistin Janine Jansen aus gesundheitlichen Gründen überschattet, aber die ebenfalls aus den Niederlanden stammende Simone Lamsma, die in dieser Saison als Gastsolisten bei den Wiener Symphonikern eingeladen ist, vermochte mit ihrer atemberaubenden Leichtigkeit und strahlender Helligkeit vollends zu überzeugen.

Saubere Phrasierung ohne Effekthascherei

Sicher gibt es kunstvollere und emotionalere Interpretationen des halbstündigen Bravourwerks, doch die 33-jährige Solistin präsentierte mit ihrer sauberen Phrasierung ohne Effekthascherei die virtuosen Passagen mit tief empfundener Musikalität in neuer Frische. Besonders die dynamischen Steigerungen des lyrischen Hauptthemas, im Wechsel mit der glänzenden Klangfülle des Orchesters, unterstrichen die geigerische Verkörperung intensivster bestechender Fantasien, die ihren Höhepunkt im 3. Satz in den temperamentvoll intonierten Varianten in „russischem Profil“ mit extremem Schwierigkeitsgrad erreichte. Schon im vorhergehenden Satz „Canzonetta: Andante“ vermittelte die leidenschaftliche Kammermusikerin mit ihrer Mlynarski-Stradivari aus dem Jahr 1718, die ihr von einem anonymen Förderer zur Verfügung gestellt wurde, einen wirkungsvollen Klangzauber, der die träumerische Ausstrahlung der ergreifenden melodiösen Struktur, vorbildlich zurückhaltend vom Orchester begleitet, in den Vordergrund stellte. Simone Lamsma bedankte sich mit der makellose Interpretation einer architektonisch vollendeten zweistimmigen Partita für Sologeige von Johann Sebastian Bach für die begeisterten Applaussalven.

Ein weiterer Leckerbissen erwartete uns nach der Pause mit Johannes Brahms’ 1. Sinfonie, die dieser, nach seinen ausgereiften kammermusikalischen Kompositionserfahrungen und einer 20-jährigen Vorbereitungsphase, erst im Alter von 43 Jahren vollendete.

Auch wenn Tschaikowsky die technischen Fähigkeiten des deutschen Meisterkomponisten anerkannte, musste er einräumen, dass dieser „keine schönen Melodien schreiben könne“. Ebenso Hans von Bülows Ansicht, Brahms 1. Sinfonie sei Beethovens 10., ist mit Vorbehalt zu genießen, obschon Brahms zeitlebens im Schatten des Bonner Meisters agierte und die Tradition der frühen Romantik in fortschrittlicher Manier fortsetzte. In der Tat sind in dieser Sinfonie fast keine melodiös gesponnen Strukturen zu erkennen, beschränkt sich der Komponist hauptsächlich auf expressive Klangbilder und stimmungsvolle Impressionen, die dank seiner ausgeklügelten Instrumentationskunst dem Opus eine damals noch nie da gewesene Intensität verleihen und die Klangfülle des großorchestralen Apparats voll auskosten.

Mit souveräner Leidenschaft

Das OPL meisterte die Durchführung der permanent wechselnden Gegenüberstellungen prachtvoller Kraftentfaltung mit souveräner Leidenschaft, die wieder einmal die musikalische Beweglichkeit sowie die strenge aber transparente und fertile Führung des Chefdirigenten unter Beweis stellten.

Einen besseren Überblick über die romantische Periode in puncto Entwicklung kompositorischer oder instrumentaler Stilistik als mit diesen drei markanten Werken, konnte sicherlich nicht bewerkstelligt werden.

Belohnt wurde das dankbare Publikum mit einer wohlklingenden, temperamentvollen Zugabe in Form einer
der 21 „Ungarischen Tänze“, ebenfalls aus der Feder von Johannes Brahms.

Bleibt nur zu hoffen, dass angesichts der vollbesetzten Philharmonie, an großen Events interessierte Klassikerliebhaber die Liveübertragung des beeindruckenden Konzerts an diesem Abend im Radio 100komma7 nicht verpasst haben. Wiederholt wird die Aufzeichnung am 8. Juli 2020.