CORDELIA CHATON

In Brasilien, jenem Land, das für Strände und Karneval bekannt ist, weht ein neuer Wind. „Jungs tragen blau, Mädchen rosa“, erklärte die neue Ministerin für Frauen, Familie und Menschenrechte, Damares Alves - und erntete dafür viel Hohn auf den sozialen Netzwerken. Die evangelikale Pastorin, Antifeministin und Abtreibungsgegnerin ist eine von zwei Frauen im 22-köpfigen Kabinett des neuen brasilianischen Präsidenten Jair Messias Bolsonaro. Der fängt jetzt mit dem Regieren an und eifert dabei als „Tropen-Trump“ seinem Idol nach. So will auch der Ex-Hauptmann aus dem Pariser Klimaabkommen austreten, hat vorsorglich schon mal indigenen Völkern klar gemacht, dass sie nicht mit mehr, sondern eher mit weniger Gebieten zu rechnen haben und eine Agrarlobbyistin für den Umweltschutz verantwortlich gemacht. Damit die Journalisten wissen, mit wem sie es zu tun haben, durften sie sieben Stunden auf ihn warten. Darüber hinaus hat er dem Menschenrechtsministerium die Zuständigkeit für Angelegenheiten von Homosexuellen, Bisexuellen und Transgender entzogen und angekündigt, dass eine „Säuberung“ der Ministerien stattfinden wird. Hunderte wurden bereits entlassen aus der Vermutung heraus, dass ihre „Ideologie nicht passend“ sei.

Wer hier an Nazideutschland denkt, liegt nicht so falsch. Denn Bolsonaro hat eine offene Bewunderung für die Militärdiktatur, die im größten südamerikanischen Land ab 1964 ganze 21 Jahre wütete und bis heute nicht wirklich aufgeklärt ist. Und in den 30er Jahren orientierte sich Brasilien wirtschaftlich an Nazideutschland, das damals ein wichtiger Handelspartner war. Es läuft einem kalt den Rücken hinunter, wenn man weiß, dass während der Militärdiktatur staatliche Todesschwadronen, Folter und Mord an der Tagesordnung waren. Brasilien war auch Teil der „Operation Condor“, bei der südamerikanische Diktaturen sich gegenseitig bei der Ermordung missliebiger Bürger halfen. Das sind Bolsonaro-Idole. Und mit Hilfe von Steve Bannon, dem Ex-Strippenzieher Trumps, überflutete er soziale Netzwerke mit Falschmeldungen über Gegner.

Ob der mit einer knappen Mehrheit regierende Präsident Erfolg haben wird, liegt auch an der Wirtschaft. Die ist ihm erstmal gewogen. Zum einen, weil sie sich Vorteile verspricht, vor allem für die Agrarlobby. Zum anderen aber auch, weil er die Korruption bekämpfen will. Das hat Bolsonaro auf breiter Ebene Zustimmung eingebracht. Brasiliens Geschichte ist seit Jahrzehnten durch Korruption geprägt, und es gibt kaum einen Bürger, der nicht darunter leidet. Das ist die Achillesferse.

Andererseits zeigt die Geschichte, dass es vor allem die Militärdiktatur war, die die Wirtschaft nachhaltig ruiniert hat. Am Ende lag die Hyperinflation bei über tausend Prozent. Es wird hoffentlich nicht lange dauern, bis die so genannten Liberalen wach werden.

Denn Bolsonaro hat ein Blutbad versprochen. Ohne Folter ginge es nicht und 30.000 Gegner müssten sterben. Das ängstigt; auch hier in Luxemburg, wo es seit nicht mal einem Jahr eine brasilianische Handelskammer gibt und viele Menschen, deren Vorfahren bei der Arbed in Brasilien gearbeitet haben und nun hierher kommen. Früher aus Wirtschaftsgründen, flüchten sie nun vor einer Todesfratze. Blau oder rosa ist da nur die Spitze des Eisbergs.