LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Sol Gabetta und das Kammerorchester Basel in der Philharmonie

Nein, ein Jubiläum oder besonderen Anlass gibt es nicht. Wahrscheinlich ist es reiner Zufall, dass Ludwig Van Beethoven in den letzten Tagen in den Programmen unserer Konzerthäuser überdurchschnittlich oft auftaucht. Nach seinem Violinkonzert mit Isabelle Faust und den beiden Klavierkonzerten 1 und 3 am vergangenen Donnerstag, seiner einzigen Oper „Fidelio“ am Mittwoch und Freitag im „Grossen Theater“, einem Rezital des Pianisten Grigory Sokolov mit zwei seiner Sonaten am heutigen Donnerstag und seinem Streichquartett opus 15/5 mit dem „Jerusalem Quartet“ am nächsten Montag, kann man sogar an einer Beethoven-Yogasession mit der Pianistin Cathy Krier unter fachkundiger Anleitung eines erfahrenen Lehrers teilnehmen. Am Dienstag war die Reihe an seiner richtungsweisenden, aber eher selten gespielten, 1. Sinfonie in der Philharmonie.

Das ganz im Zeichen der Romantik stehende Konzert mit dem „Basler Kammerorchester“ begann mit der wenig bekannten Ouvertüre „Hermann und Dorothea“ von Robert Schumann, die gleich mit der harmonischen Stimmungslage der Musik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vertraut machte. Allerdings klang das Orchester etwas lahm und selbst die theatralische Gestik des Gastdirigenten Giovanni Antonini konnte das brav und zu routiniert agierende Ensemble anfangs nicht aus der Reserve locken.

Leidenschaftliche Interpretation einer Allroundkünstlerin

Höhepunkt der Soiree war die seitens der argentinischen Solistin Sol Gabetta makellose Interpretation von Schumanns Konzert für Violoncello. Diese Musikerpersönlichkeit vorzustellen erübrigt sich vor allem für die Zuschauer des Bayerischen oder Norddeutschen Fernsehsenders, wo die smarte Allroundkünstlerin regelmäßig im Wechsel mit dem Perkussionisten Martin Grubinger, der im nächsten Monat ebenfalls in der Philharmonie zu Gast sein wird, die Sendung „KlickKlack“ präsentiert. Die Ruhe und Ausgeglichenheit, die dieses Werk ausstrahlt, vermochte die Cellistin in ihrer leidenschaftlichen Interpretation so geschickt und elegant zu vermitteln, wie man es bestechender nicht erwarten konnte. Obschon sie dieses Konzert in den letzten Jahren schon unzählige Male mit den unterschiedlichsten Orchestern aufgeführt hatte, spürte man das Lebendige, das Schwärmerische und eine unwiderstehliche Prägnanz in den Ausbrüchen, die mit einer natürlichen Leichtigkeit die Aussagekraft des konzertanten Celloparts unterstrich.

Im lyrischen zweiten Satz der gefälligen Komposition, die Schumann in nur zwei Wochen zu Papier brachte, überwog der individualistische Charakterzug der Cellistin sich mit der sensiblen Tonbildung ihres Instruments auseinander zu setzen. Leider ging auch hier die charakteristische, besondere Note des halbstündigen Werks, das nahtlose Wechselspiel der Klangfarben zwischen der Cellistin und dem Streichersatz, insbesondere die Steigerung des solistischen Vortrags zusammen mit einem zweiten Cello, völlig unter.

Spürbar wohler fühlte sich das Kammerorchester aus Basel nach der Pause bei der 1. Sinfonie von Ludwig Van Beethoven. Welch ein Wandel, welch eine Überraschung. Obschon bei dem sinfonischen Erstling des jungen Meisters noch nichts von dem Monumentalen oder Schicksalhaften seiner späteren Werke zu spüren ist, betört die ausgereifte, für die Entstehungszeit völlig ungewohnte, Instrumentation. Hier gelang dem Orchester, das teilweise mit historischen Instrumenten besetzt war, eine entschlossene, klar definierte Durchführung des harmonischen Ausdrucksbereichs mit bewundernswerter Wirkung. Frische Tuttiumrahmungen ließen den nötigen Raum für die reizvollen, Flöten-, Oboen- und Klarinettenmotive, dynamische Schattierungen kontrastierten die beabsichtigte Wirkung und die humorvolle Verarbeitung der tänzerischen Elemente wurde adäquat umgesetzt. Endlich trug die filmreife Dramaturgie des engagierten Leiters ihre Früchte und die filigranen Phrasierungen der Streichersektion sowie die rhythmischen Finessen standen im Vordergrund der Interpretation eines nun wohltönenden Klangkörpers.

Zu erwähnen bleibt noch die, von den vier Cellisten des Kammerensembles untermalte, wunderbare Zugabe Sol Gabettas in Form einer Komposition von Pablo Casals, die das dankbare Publikum für die gelegentlichen Schwächen bei den Schumannauslegungen entschädigte.