Über Erfahrungen auf Datingportalen

Wir dürfen nicht darauf warten, dass unser Einkaufswagen mit dem unseres Traumpartners kollidiert, wir müssen die Dinge selbst in die Hand nehmen. Das stellte ich vor zwei Wochen an dieser Stelle fest. Also meldete ich mich spontan auf einer Datingseite an. Der Grund, mich anzumelden, war persönlicher Natur. Dennoch ist mir dabei vieles aufgefallen, das ich gerne mit meinen Lesern teilen möchte.

Erster Eindruck

Offen gesagt habe ich mich ja selbst gefragt, was ich da nur tue … Ich halte von solchen Seiten nicht viel und doch wird es irgendwie zu einer Sucht, sich dort umzusehen. Abends, wenn ich den Tag gemütlich ausklingen lasse, scrolle ich mich durch die Liste der Nutzer sowie deren Anfragen, so, wie ich sonst vielleicht in einem Onlineshop für Kleider gestöbert hätte, ohne nach etwas Bestimmtem zu suchen. Und das schockiert mich. Datingseiten sind oftmals vor allem eines: ein Mittel gegen Langeweile und ein Portal, auf dem Menschen angepriesen werden wie Ware. Tatsächlich geht es meist ein bisschen zu wie auf Ebay. Es geht darum, wer am meisten zu „bieten“ hat. Und mit welcher Währung wird bezahlt? Natürlich mit reichlich nachbearbeiteten Bildern, abgedroschenen Komplimenten und auswendig gelernten Floskeln.

Der Test

Wenn die Fotos auf dem Nutzerprofil überzeugen, – ob sie das reale Aussehen naturgetreu widerspiegeln, scheint nicht zu interessieren – dann kommt das „hi“, der Standardgesprächsbeginn neben: „Du hast aber schöne Augen“. Auch mit dem verlockenden Angebot: „21 cm fir dech“ versuchte man mich schon um den Finger zu wickeln … Im günstigsten Fall folgt dann er, der heilige Fragenkatalog: „Woher kommst du“, „was machst du“, „wie groß bist du“ und so weiter. Das dient jedoch keineswegs dem Kennenlernen. Es ist ein Test! Die Nutzer stellen sich gegenseitig Fragen, nicht weil sie die Antwort erfahren wollen, sondern weil sie schon wissen, was sie hören wollen. Das erinnert mich ein bisschen an die multiple-choice-Prüfung in der Schule. Oder einen Arztbesuch. Der liebe Onkel Doktor interessiert sich auch nicht wirklich dafür, wann meine letzte Periode oder mein letzter Stuhlgang war – analog zum Rantasten an die letzte Beziehung. Nur dass das in dem einen Fall auch gut so ist, in dem anderen weniger … Wenn ich dem Arzt „richtig“ antworte, bin ich gesund, wenn ich dem User „richtig“ antworte, bin ich „girlfriend-material“. Wenn nicht, dann nicht. So einfach ist das. Denn der Nutzer will nicht wissen, wer ich bin, er interessiert sich für die Frau, die er sich schon in seinem Kopf gebacken hat. Wie Aschenputtels Fuß in den Schuh muss meine Persönlichkeit in seine starre Backform passen. Fragt er zum Beispiel danach, ob ich spontan bin, muss ich natürlich mit „ja“ antworten. Weil Spontaneität ist in und klingt gut. Hinterfragen, was konkret damit gemeint ist, ist tabu, geantwortet wird strikt mit „ja“ und „nein“ oder einer Zahl.

Wertschätzung des Einzelnen

Ein automatisch ausgewerteter Fragebogen würde uns den Stress ersparen, nicht mehr zu wissen, wem wir schon welche Fragen gestellt und beantwortet haben, und jedes Mal wieder bei null anfangen zu müssen. Es gäbe für dieses „Problem“ zwar, in der Theorie, noch eine andere Lösung: Einfach immer nur einer Person auf einmal schreiben. Aber so geht in der Praxis niemand vor. Der Nutzer will alle kennenlernen, am besten gleichzeitig. Super-speed-Dating sozusagen.

Das führt dazu, dass jeder völlig austauschbar wird. Es kommt sehr häufig vor, dass eine der beiden Seiten plötzlich nicht mehr antwortet. Denn: Ist ja Wurscht, es sind genug User angemeldet. Es hat kaum jemand mehr Ausdauer und Geduld, länger mit einer Person zu schreiben; kommt auch nur eine „falsche“ Antwort, dann heißt es direkt „Game Over“ – neuer „Match“, neues Spiel. Einfach mal abwarten und der Sache eine Chance geben – das gibt es hier nicht, genauso wenig wie gegenseitige Wertschätzung.

Man wartet quasi nur darauf, dass wieder jemand ausscheidet, aus der persönlichen Castingshow. Sorry, ich habe heute leider keine Rose für dich. Und das sage ich, noch bevor ich weiß, wer „du“ bist. Hauptsache mein Ego ist gestärkt, weil ich weiß, dass du mich haben wolltest. Tja, du bist aber auch naiv, wenn du dir da ernsthaft Hoffnungen machst! Wer den Partner online, beim Bachelor, auf der Arbeit oder im Supermarkt sucht, dem ist nicht zu helfen, das weiß ja nun jedes Kind. Doch Moment mal: Wann dürfen wir es denn mit der Partnersuche überhaupt noch ernst meinen?

Tiefgrund unerwünscht?

Das alles ist also äußerst oberflächlich und zudem meilenweit vom Date in der Wirklichkeit entfernt, denn was bleibt schon übrig, wenn man vom Gegenüber alles Lebendige abstrahiert, seine Stimme, seine Art sich zu bewegen, sein Geruch, seine Art, sich auszudrücken, wenn er nicht alles auf wenige Zeichen oder Smileys herunterbrechen muss? Ich behaupte: nicht sehr viel. Und da ist es für mich auch nicht verwunderlich, auf Menschen zu treffen, die, wenn ich mir diese Wertung erlauben darf, mit derselben Gleichgültigkeit durch das Leben gehen, mit der sie sich online bewegen, so völlig ohne Herzblut. Erfolgreich kann das alles letztlich nur sein, wenn man auf der Suche nach einem „Körper“ ist. Wobei ich ja noch nie verstanden habe, was genau daran erstrebenswert sein soll. Sucht man jedoch nach einem interessanten Menschen, ist das prinzipiell möglich, aber wohl kaum wahrscheinlicher, als ihn im Supermarkt anzutreffen ….