PATRICK WELTER

Wie sieht die Aufgabe des Strafrechts aus? Strafe, Rache oder -im positiven Sinne- Umerziehung, um den Täter wieder in die Gesellschaft eingliedern zu können? Je nach Land, Kultur und Religion lauten die Antworten für ein und denselben Fall ganz anders.

Da gibt es einen 19-jährigen Burschen, der aus Zuneigung zu seinem Bruder, aus religiöser Verblendung, aus Wut auf eine Welt, mit der er nicht zurechtkam oder einem Grund den wir nicht kennen, mit seinem Bruder Bomben gebaut und auch gezündet hat. Schreckliche Bomben, die überlegt platziert und ganz bewusst auf weiche Ziele - Militärjargon für Menschen - ausgelegt waren. Töten und verstümmeln. Als hätte das nicht gereicht, wurde im Rahmen einer Verfolgungsjagd noch ein Polizist erschossen. Der Bruder getötet.

Kein Zweifel, genau die Typen vor denen sich jeder Sicherheitsdienst der Welt fürchtet: Einsame Wölfe ohne Backup-Struktur, die nicht zu erkennen sind. Die bekanntesten sind Timothy McVeigh, der aus Hass auf die amerikanische Zentralregierung 1995 in Oklahoma 168 Menschen tötete und Anders Breivik, der 2011 in Norwegen 77 Menschen umbrachte. Der eine wurde vom Staat per Giftspritze vom Leben zum Tode befördert, der andere sitzt in lebenslanger Einzelhaft. Wem es nach Rache gelüstet gefällt die Variante mit der finalen Spritze natürlich besser, aber ist ein Typ, der glaubt durch Mord an Unbeteiligten eine Gesellschaft ändern zu können, nicht von vorneherein krank? Breivik betrachtete sein Massaker an „sozialistischen“ Kindern als berechtigen Verteidigungskampf zum Schutze seiner arischen Versager-Existenz. Die Antwort kann nicht „Rübe ab“ heißen, die Antwort muss - eigentlich - die Einweisung in die Psychiatrie sein. In Oslo hat man sich zur lebenslangen Haft entschlossen - was den Täter nur aufwertet.

In den USA ertönt jetzt laut der Ruf nach dem Kopf des überlebenden „Boston-Bombers“. Die in Guantanamo praktizierte Aufhebung des Rechtsstaates, eine Schande für die USA, soll jetzt nach dem Wunsch rechter Republikaner und den Trommlern von Fox-News auch im Inland auf „feindliche Kombattanten“ angewendet werden. Auf den juristischen Winkelzug darf man gespannt sein, immerhin handelt es sich um einen US-Bürger. Allgemein scheint das Bedauern in der veröffentlichten Meinung der USA groß zu sein, dass das vergleichsweise liberale Massachusetts die Todesstrafe nicht mehr praktiziert. Bei einem Prozess vor einem Bundesgericht sähe die Sache für den Teenager schon übler aus. Dzhokhar Tsarnaev hat getötet, aber hat der Staat, außerhalb von kriegerischen Auseinandersetzungen, das Recht seine Bürger zu töten? Aus Rache? Wer jetzt mit dem „Krieg gegen den Terror“ argumentiert, sollte eine Hardcover-Ausgabe der US-Verfassung verspeisen.

In den religiös geprägten USA gilt im Strafrecht der Rachegedanke. Wem nicht die Spritze oder der Stuhl droht, kann zu „Lebenslang ohne Aussicht auf Begnadigung“ verurteilt werden, selbst als Vierzehnjähriger. In Mitteleuropa lebt die Idee von der Resozialisierung und damit auch ein Jugendstrafrecht, das es für sinnvoll hält einen 19-jährigen Mörder nur für eine befristete Zeit, zehn Jahre, einzusperren um ihn irgendwann gehen zu lassen.

Welche Variante die vermeintlich bessere ist, muss jeder für sich entscheiden.