LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

In „Tenet“ von Christopher Nolan läuft die Zeit anders ab

Der in London geborene Regisseur, Drehbuchschreiber und Produzent Christopher Nolan hat die unterschiedlichsten Filme gedreht, von dem bizarren „Memento“ (2000), über den nicht weniger irritierenden „Insomnia“ (2002), zu der „The Dark Knight“-Trilogie (2005-2012), bis zu den Science-Fiction-Filmen „Inception“ (2010) und „Interstellar“ (2014) oder dem für seine Verhältnisse konventionellen Kriegsdrama „Dunkirk“ (2017). Die Zeit, sei es die Vergangenheit oder die Zukunft, spielte oft eine wesentliche Rolle in seinen Drehbüchern. Was er nun aber mit „Tenet“ beweisen wollte, liegt jedoch nicht unbedingt auf der Hand.

Von der Inversion der Dinge

Der Film beginnt als Thriller. Eine Bande Krimineller überfällt die Nationaloper der Ukraine. Der Zweck scheint zu sein, Plutonium zu klauen. Unter den Angreifern sind ebenfalls getarnte CIA-Agenten, unter anderem ein Mann, der nur Protagonist genannt wird, und von John David Washington („BlacKkKlansman“) gespielt wird, dem Sohn von Denzel Washington. Als etwas schief läuft wird der Agent entlarvt. Später wird er damit beauftragt, die Urheber des brutalen Überfalls zu suchen, eine Mission die den Codenamen „Tenet“ (Grundsatz) trägt. Eine gewisse Barbara (Clémence Poésy) zeigt ihm auf einem Schießstand geheimnisvolle Kugeln, die rückwärts fliegen, also vom Ziel zurück in die Pistole. Der Agent reist erst einmal nach Indien, wo das Material für die invertierten Kugeln herstammen soll. Dazu muss er einen gutbewachten Waffenhändler (Denzil Smith) befragen. Ein Kollege, Neil (Robert Pattinson), ist ihm dabei behilflich. Allerdings ist es die Frau des Dealers Priya (Dimple Kapadia), die ihn auf die Spur vom Oligarchen Andrei Sator (Kenneth Branagh) bringt und dessen Frau Katherine (Elizabeth Debicki), genannt Kate.

Die Dinge komplizieren sich

Bis dahin scheint sich die Geschichte noch einigermaßen im Gleichgewicht zu halten und eine dem Genre angepasste Logik zu folgen. Dann verliert sich der Plot mit der Absicht des Protagonisten, Kate vor ihrem Brutalen Ehemann zu retten. Die Suche nach dem Hintergrund der magischen Kugeln, die aus der Zukunft kommen sollen, gerät ins Hintertreffen.

Als der Agent und Neil in Oslo in einem Freeport sind, müssen sie sich gegen rückwärtsgehende und -kämpfende Gegner zur Wehr setzen. Schließlich taucht noch Ives (Aaron Taylor-Johnson) mit einer kleinen Armee an Söldnern auf, der Neil beisteht und alles über Zeitverschiebungen weiß, so auch über die dazu gehörende Zeitmaschine. Mit Hilfe von Drehtüren kann man sich zwischen den Zeiten bewegen, sei es vorwärts oder rückwärts, wobei alles Rückläufige bereits geschehen ist. Man fragt sich, wo Ives und seine Gesellen das Wissen herhaben. Überhaupt sind die Hauptfiguren sehr schlecht definiert, und sie tun sich mit ihren Geheimniskrämereien schwer, glaubhaft zu wirken.

Man muss Nolan zugestehen, dass er ein paar wahnwitzige und einzigartige Verfolgungsjagden mit vorwärts- und rückwärtsfahrenden Autos inszeniert hat, die den Zuschauer fesseln. Die allermeisten Szenen sind übrigens in Natura gedreht worden, so auch der Crash des Flugzeugs in den Hangar in Oslo. Nur wenige Sequenzen sind auf der Festplatte entstanden.

Am Ende fragt man sich allerdings, was Nolan mit seiner Geschichte bezweckt. Sie ist nicht ausgereift und schweift immer wieder in verschiedene Richtungen aus, anstatt der anfänglichen Linie zu folgen, die Suche nach dem Zweck und Urheber der magischen Kugeln. So sitzt der Zuschauer in seinem Sessel, teils von der Originalität einiger Szenen fasziniert, aber sich schlussendliche fragend, ob dies lediglich die filmische Umsetzung eines Albtraums des Regisseurs ist. Ja, und solche bösen Träume ergeben meist keinen Sinn.