LUXEMBURGCHRISTIAN BLOCK

Seit rund 17 Jahren gibt es das dropIn, die Rot-Kreuz-Anlaufstelle für Prostituierte

Ein großer, hoher Raum, unterteilt in verschiedene Sitzbereiche und eine Cafeteria mit vielen Fotos an den Wänden: Das
dropIn ist ein einladender Ort. Seit rund 17 Jahren gibt es die Anlaufstelle des Luxemburger Roten Kreuzes im Herzen der Hauptstadt. Von Anfang an mit dabei ist Carmen Kronshagen. Die Koordinatorin des dropIn hat die Anlaufstelle im Oktober 1998 mit ins Leben gerufen. Seitdem kommen Jahr für Jahr mehr Kunden: 675 in 2013 auf 776 im vergangenen Jahr.

Prävention, Information aber auch ein Ort, um Ruhe und ein offenes Ohr zu finden

Die Hauptaufgabe des dropIn ist die Prävention. Dazu gehört die Aufklärung über Safer Sex, also die möglichst größte Verringerung des Risikos einer Ansteckung von sexuell übertragbaren Krankheiten. 2013 verteilte das dropIn darüber hinaus 85.000 Präservative und 27.375 Spritzen. Im Jahr darauf waren es je 87.920 und 28.420. Diese Mengen zu managen hat sich inzwischen zu einer logistischen Herausforderung entwickelt, wie Carmen Kronshagen erklärt.

Zu den Zielen des dropIn zählt auch, die Interessen von Prostituierten zu verteidigen und dabei gegen Diskriminierung und Vorurteile vorzugehen. Ob Frauen oder Männer, ob Transvestiten, Transgender, Stricher oder Transsexuelle, ob haupt- oder nebenberuflich in der Prostitution tätig: Ihnen alle stehen die Türen des dropIn offen, unabhängig von ihrer Nationalität, ihrem Alter oder ihrem Statut.

Eine dritte Aufgabe ist die Information und die Beratung sowie ein offenes, urteilsfreies Ohr anzubieten.

Aus der Aidsprävention entstanden

Entstanden ist das dropIn aus der Aidsprävention. Ende der 80er Jahre waren Carmen Kronshagen und Josée Kayser auf den Straßen der Hauptstadt unterwegs, um in erster Linie Präventionsarbeit zu leisten. „Es waren vor allem Franzosen und Belgier, die zu diesem Zeit auf dem Strich waren und die hierher kamen, als die ,Bars montants‘ geschlossen wurden. Sie stammten aus einer Generation, in der es die Pille gab“, erklärt Kronshagen. Das hatte zur Folge, dass immer weniger Kondome benutzt wurden. Gleichzeitig wuchs das Phänomen der Prostitution in dieser Zeit, die Beschaffungsprostitution befand sich in ihren Anfängen und Drogen spielten eine größere Rolle.

Weil es immer mehr Probleme gab und die Bedürfnisse vielfältiger wurden, entstand die Idee, wie im Ausland eine Anlaufstelle nur für Personen aus diesem Milieu einzurichten. „Das dropIn wurde als Schonraum gegründet“, erklärt Kronshagen. In einer kleinen Stadt wie Luxemburg ist die Chance groß, in einem Café zum Beispiel einem Kunden über den Weg zu laufen. „Hier haben die Prostituierten ihre Ruhe. Manche kommen, weil sie einfach nur etwas trinken wollen, andere kommen zum Reden, andere wiederum haben konkrete Fragen zur Gesetzgebung oder zu amtlichen Schreiben“. In der Anlaufstelle können die Prostituierten darüber hinaus ihre Kleidung waschen, essen oder sich ärztlich untersuchen lassen.

Disziplin und Teamarbeit sind gefragt

Dass das Team vom dropIn immer mehr Kunden empfängt zeigt, dass der Bedarf nach wie vor groß ist, aber auch, dass sich ihre Dienste herumgesprochen haben. „Wir leben von der Mund-zu-Mund-Propaganda“, betont Kronshagen. Versuche in der Vergangenheit, etwa mit Anzeigen auf die Anlaufstelle hinzuweisen, seien erfolglos geblieben. „Disziplin und Teamarbeit sind entscheidend“. Und falls doch jemand bestraft wird - das kann ein zweiwöchiges Hausverbot sein - bleiben der Zugang zum Eingangsschalter, wo es Präventionsmaterial gibt und die medizinischen Dienste bestehen. „Die Tat wird bestraft, nicht die Person“, erklärt die Leiterin des dropIn. Bisher habe es aber so gut wie keine Zwischenfälle gegeben - das spricht sich herum.

Zur Ausbildung der Mitarbeiter - Erzieher, Sozialarbeiter und Krankenschwester - gehört ein Deeskalations- und Anti-Aggressionstraining. Wichtig sei es, Gewalt zu verhindern „und das fängt bei der Sprache an“, weiß Kronshagen. „So wie der Kunde nicht mit uns reden darf, dürfen wir auch nicht mit ihm sprechen“. Eine Psychologin bietet darüber hinaus seit Jahren auf freiwilliger Basis einmal die Woche eine Sprechstunde an. Eine Gruppe von Ärzten, darunter ein Gynäkologe sowie mehrere kulturelle Mediatorinnen, stellen den Betrieb der Praxis sicher. Ab diesem Monat betreut eine Sozialarbeiterin auf einer 25-Stunden-Basis das Exit-Programm, so wie es eine Vereinbarung mit dem Chancengleichheitsministerium vorsieht.

Sex ist ein Vehikel für vielfältige Bedürfnisse

Wenn Kronshagen davon spricht, die Interessen von Prostituierten zu verteidigen, dann meint sie damit auch, Vorurteile, die mit der Prostitution verbunden werden, zu widerlegen. Sex gehöre zwar dazu, sei aber eher ein Vehikel. Dennoch werde Prostitution oft genau darauf reduziert. „Richtige Prostitution ist das Verkaufen einer Illusion. Als Prostituierte gibst du dem Kunden das Gefühl von Akzeptanz oder Empathie, daraufhin äußert der Kunde seine richtigen Wünsche“, führt Kronshagen aus. Das könne sein, einfach nur zuzuhören, Zärtlichkeiten auszutauschen oder aber Bondage-Fantasien auszuleben. „Je professioneller eine Prostituierte arbeitet, umso weniger geht es um Sex“, argumentiert sie.

Sie lehnt darüber hinaus ab, Prostituierte pauschal als Opfer darzustellen. Es gebe sowohl Prostituierte, die sich freiwillig für das Gewerbe entscheiden oder aus materiellen Gründen in die Prostitution einsteigen. Andere wiederum würden erst mit Mitte 30 ihre Dienste anbieten, wenn zum Beispiel eine Frau nach einer Scheidung auf einem Schuldenberg sitzen bleibt, ihren Kindern aber etwas bieten will. Wieder andere würden nur punktuell Prostitution betreiben. Im Gespräch wird klar, dass Prostitution viele Facetten und Gründe hat. „Es gibt zweifellos auch Personen, die ausgebeutet werden“, sagt Kronshagen, fügt aber direkt hinzu, dass es dieses Phänomen auch in anderen Bereichen wie in der Gastronomie gebe. „Wir sind für Empowerment“, sagt sie. „Wenn ich eine Person zum Opfer mache, kann ich nicht verlangen, dass sie aktiv wird“, argumentiert Kronshagen. Stattdessen will sie Prostituierte stärken. „Das geht nur durch mehr Rechte“, sagt Carmen Kronshagen. Mit denen auch wiederum Pflichten verbunden sind.


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