ZELTWEG/LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Hinter den Kulissen des Red Bull Ring in Österreich - Am Sonntag ist dort die Formel 1 am Start

.Unsere Tischgespräche finden in einem ungewöhnlichen Rhythmus statt. Wir quatschen wie meistens bei dieser Reise „Benzin“, übrigens nicht nur Männer. Nach jedem Halbsatz nähert sich ein hohes singendes Geräusch, schwillt zu infernalischem Lärm an und ebbt sofort wieder ab. Das Gespräch geht weiter, bis zur nächsten Unterbrechung; wieder ist das Kreischen von 10.000 Motorumdrehungen zu hören. Plötzlich von unten ein heiseres Bellen in einer tieferen Tonlage. Mehr Hubraum, weniger Drehzahl.

Dieses Restaurant ist eigentlich eine Zumutung. Es ist einfach höllisch laut, aber alle die Gäste hier sitzen, haben ein glückseliges Grinsen im Gesicht. Nicht wegen des guten Essens, sondern gerade wegen des Getöses.

Wir sitzen in der Red-Bull-Lane, dem Restaurant des Red-Bull-Ring, der österreichischen Formel -1-Strecke bei Zeltweg in der Steiermark. In ferner Vorzeit, als das Marketing noch nicht alles regierte, hieß die Strecke schlicht Österreichring. Am kommenden Sonntag wird hier wieder der Formel 1-Zirkus zu Gast sein.

Heute, an einem Samstag, ist kein Renntag, es wird nur trainiert. Auf der Strecke sind zunächst kleinere Formelrennwagen - die Formel 3 ist quasi der Kindergarten der Formel 1. Später sind Tourenwagen, meistens Porsche 911 und einige Mercedes AMG, unterwegs, die in Grüppchen oder einzeln ihre Runden drehen und immer wieder die Boxen anlaufen. Genau unter uns. Das Restaurant besteht aus einem lärmgeschützten konventionellen Teil und aus der „Terrasse“. Hier sitzt man eigentlich nicht im Freien, aber die Außenwände zu Boxengasse und Start- und Zielgerade fehlen, damit man jederzeit akustisch mit bekommt, was da abgeht. Ein Platz für echte Fans.

Ziemlich viel Limo

Die Motorsport-Atmosphäre ist einerseits toll, andererseits kommt der Fan hier ein bisschen ins Grübeln. In unserer heimischen Region ist der Nürburgring auch unter die „Marketer“ gefallen. Das mag einem missfallen, aber das Angebot der Shops ist wenigstens bunt gemischt an Marken und Fahrzeugen. Anders in Zeltweg. Hier dreht sich alles um die Gummibärchen-Limonade, wirklich alles.

Im Foyer warten Red-Bull-Formelwagen, Red-Bull-Motorräder, Red-Bull-Rallyeautos und auch ein Red-Bull-Flieger… Draußen, im Zentrum der Rennstrecke steht ein anderes rotes Bullen-Exemplar. Allerdings aus Stahl und 68 Tonnen schwer. Im Fan-Shop sieht es nicht anders aus, rote Bullen auf T-Shirts, Tassen, Kappen. Außerdem gibt es noch eine Red-Bull-Kartbahn und einen Red-Bull-Offroadpark. Ach ja, im Restaurant kann man jedes Getränk bestellen - solange es aus dem Rote-Bullen-Reich kommt. Ein bisschen viel der Limo.

Hinter den Kulissen

Blenden wir die Limonade aus und folgen dem Guide zu der versprochenen „Hinter den Kulissen“-Führung.

Los geht’s im neuen Pressezentrum. Hier können hunderte Journalisten direkt von Formel 1, DTM und Super-Bike-Rennen berichten. Mit Panoramablick - zumindest auf die Boxengasse. Sicht ist so eine Sache. Egal ob auf der teuren Haupttribüne oder in den VIP-Lounges, die sich nur finanzkräftige Unternehmen leisten können - die Sicht auf die Strecke ist dort miserabel. Selbst von den Balkonen der VIP-Lounges aus sieht man nur einen Bruchteil der Zielgerade. Von der Tribüne hat man wenigstens noch einen Blick auf den Start, aber die fahrerische „Action“ geht aber woanders ab. Am Ende der Startgeraden, macht die Rechtskurve einen Knick von fast 90 Grad, und das sieht man von einem billigen Streckenplatz deutlich besser. Unser Guide durch die labyrinthischen Gebäude macht keinen Hehl daraus, dass es in den VIP-Lounges viel mehr um Netzwerken und „Sehen und gesehen werden“ geht, als um Motorsport.

Ein Raum zum „Mütchen“ kühlen

Lustig ist die Sache mit dem „Abkühlraum“. Nach geschlagener Rennschlacht und harten Fights sollen die drei Bestplatzierten eines Rennens erstmal „runter“ kommen, ein paar Minuten relaxen und sich ein bisschen entspannen, bevor es zur Siegerehrung geht. Schließlich sollen sie sich die errungenen Pokale nicht um die Ohren hauen. Aufs Treppchen dürfen wir auch mal, aber ohne Nationalhymne und jubelnde Massen macht das keinen Spaß.

Wenig Spaß hat auch der jugendliche Fahrer, dessen Rennwagen gerade unter uns vom Abschleppwagen gehoben wird. Gut sichtbar ist die verbogene Radaufhängung hinten, das wird Ärger mit dem Teamchef geben.

Das Gehirn der Strecke

Danach dürfen wir ins Allerheiligste - den Streckenkontrollraum, der auch „nur“ beim Training mit einem Rennleiter besetzt ist, der über drei Dutzend Monitore die gesamte Strecke im Auge hat. Er kann das Rennen jederzeit bremsen, stoppen oder komplett abbrechen. Es gibt die gelben, blauen und roten Flaggen noch, aber vieles übernehmen Ampeln oder elektronische Signale in die Autos oder in die Boxen. Bei großen Rennen verfolgen mehrere Offizielle das Rennen. Irgendwann kommt die Frage „Und hier hat Charlie Whiting gesessen“. Der im Frühjahr plötzlich verstorbene Whiting war über 20 Jahre lang Renndirektor der Formel 1, der absolute Boss aller Rennen. Ja, Whiting hat hier gesessen. Ehrfürchtiges Schweigen.

Materialschlacht

Dann folgt der Weg entlang der Boxen und dort kommt man schon ins Staunen. Die Formel 3 genauso wie die meisten Tourenwagenrennen gelten als Amateursport. Kaum zu glauben. Die Phalanx der Renntransporter, alles ausgewachsene Sattelzüge, der Berge von Rennreifen und ein technisches Equipment nach dem sich die meisten Werkstätten die Finger lecken würden, ist beeindruckend. Von der nötigen Manpower - es gibt auch Mechanikerinnen - ganz zu schweigen.

Die vorletzte Station unseres Rundgangs ist das „Medical Center“, de facto eine Intensivstation für zwei, ein Ort wo niemand hin will.

Unsere Tour endet natürlich im Foyer, neben dem Fanshop. Da der nur Rote Bullen in allen Varianten hat und so tut als ob der ganze Rennzirkus nur aus einer Limonadenfabrik besteht, verzichte ich dankend auf eine Geldausgabe. Trotzdem, der Blick hinter die Kulissen der Rennstrecke war spannend.

Sollte ich aber jemals wieder kommen, werde ich mein eigenes Getränk hineinschmuggeln, denn Cola aus dem Haus mit dem Roten Bullen werde ich nie, nie, nie wieder trinken!

Formel 1; Großer Preis von Österreich am 30. Juni2019, 15.10 - www.projekt-spielberg.com