LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Ästhetik als politische Wissenschaft

Vor 200 Jahren, am 8. Februar 1819 erblickte John Ruskin in Großbritannien das Licht der Welt. Dass mit ihm ein scharfsinniger Kritiker grundlegender Um- und Missstände in der Beziehung zwischen den Menschen und ihrem Umfeld geboren wurde, wusste damals noch niemand. Dass Ruskin diese ihn erschütternden Eindrücke mit aller Schärfe in sozialphilosophischen Arbeiten thematisierte, war jedoch ein großes Glück. Seine Theorien zu Kunst, Naturwissenschaft, Ästhetik und Politik bleiben bis heute brandaktuell.

So hat der in Oxford lehrende Professor für Ästhetik mitunter den drohenden Verfall der Kultur und Natur durch die Industrialisierung angeprangert. Er schreibt über die Zerstörung der Alpen, die Verhässlichung der Städte und die Vernichtung alter Traditionen als Konsequenzen des wie blind verfolgten Kommerzes. Damit dies nicht als bloße Theorie eines verklärten Romantikers abgestempelt wird, hat Ruskin eine Reihe von Zeichnungen angefertigt, in denen der Verfall der Schönheit Venedigs über Jahre hin dokumentiert wird – nachzuschlagen in seinem Werk „Steine von Venedig“. Dass unser natürliches Umfeld einem exponentiell angetriebenen Wirtschaftsbestreben zum Opfer fällt, ist heutzutage wohl noch um einiges prägnanter auszumachen als zu Ruskins Zeiten. Der Brite wies bereits auf die Zerstörung der Landschaften durch ausufernde Bebauung hin, als diese noch – im Vergleich zu heute – von geringem Ausmaße war. So kämpfen wir heute gegen Luft- und Lichtverschmutzung, müssen über Gesetze und Richtwerte streiten, um künftigen Mitbewohnern überhaupt eine Aussicht auf Lebensfähigkeit geben zu können.

Die Zeichen, dass die Nationalökonomie federführend an der Unzufriedenheit der Menschen und dem Zerfall des Lebensraumes beteiligt ist, wusste Ruskin damals schon deutlich hervorzuheben. Indem unsere Städte immer grauer und hässlicher wurden und werden, ja gar teilweise lebensfeindlich daherkommen, schaffen wir den Nährboden unseres eigenen Unglücks. Die Öffentlichkeit lebt in einem Ungleichgewicht von wirtschaftlicher Macht und individuellem Genuss, wie etwa der Freude am Schönen, der Liebe zur eigenen Kultur. „Die Grundlagen der Gesellschaft sind erschüttert, nicht weil die Massen zu wenig Brot, sondern weil sie keine Freude an der Arbeit haben, mit der sie ihr Brot verdienen“, schreibt Ruskin.

In der Kunst sieht Ruskin nun eine Möglichkeit, das uns Erscheinende in seiner Beziehung zum Menschen, zu uns, zu studieren. Demnach eine andere, aber nicht minder wertvolle Vorgehensweise als die der Naturwissenschaft, um mehr über unsere Welt herauszufinden. Dass soziale Themen und Missstände auch in diesen Bereich der Kunstforschung, also der Forschung, die von der Kunst betrieben wird, fallen, versteht Ruskin als deren politisches Element. Die „Wissenschaft vom Reichtum“ müsste demnach Ästhetik, Sozialforschung, Naturpädagogik und Politik in sich einschließen und zum Ziel haben, Erkenntnisse bezüglich eines Gleichgewichts in unserem Unter- und Miteinander zu erlangen. In dem Sinne muss die echte Nationalökonomie die Nationen lehren, „nach den zum Leben führenden Dingen zu trachten und an ihnen zu arbeiten; dagegen die zum Verderben führenden Dinge zu verschmähen und zu vernichten“, wie Ruskin es ausdrückt. Als zum Leben führend wäre Naturschönheit zu nennen, ein gutes soziales Gleichgewicht sowie eine respektvolle Gesellschaft. Um die Wichtigkeit der Kunst hinsichtlich dieser Ideale hervorzuheben, gab er einer, ja man könnte fast sagen, praktischen, angewandten Ästhetik vermehrt Gewicht. Seine Studenten lehrten demnach neben Zeichen- und Maltechniken auch die Implikationen des künstlerischen Schaffens in der Gesellschaft kennen. Mit Ruskin bauten sie in Slums und

heruntergekommenen Vierteln Straßen und legten Blumenbeete an, versuchten damit diejenigen Ecken, an denen es an Schönheit und Glück mehr als mangelte, lebenswerter und sinnvoller zu gestalten.

Mit Ruskin lernt man, den Blick zu schärfen und sich über Konsequenzen unseres wirtschaftsgeilen und umweltfeindlichen Lebens überhaupt bewusst zu werden. Illustrationen dieses ungesunden Zustandes gibt es zu Hauf, man muss nur die Augen öffnen, sie öffnen wollen. Vielleicht würde ein wenig mehr Ruskin im Rifkin unserem öffentlichen Wohl sehr zu Gute kommen?