LUXEMBURG
CLAUDE MULLER

Riccardo Chailly und die „Filarmonica della Scala“ in der Philharmonie

Zurzeit erfreut sich die Musik russischer Komponisten größter Beliebtheit. Die drei Namen, die neben Rachmaninow und Prokoview am häufigsten auf den Spielplänen der großen Konzerthäuser auftauchen sind Tschaikowsky, Schostakowitsch und Strawinsky, alles Namen die schon alleine wie Musik klingen. Außerdem stehen sie als Aushängeschild für drei Generationen, die einen stilbildenden Einfluss auf die Entwicklung der globalen Musikszene ausübten.

Wenn diese drei bedeutenden Musikerpersönlichkeiten dann auch noch in einem abendfüllenden Programm vereint sind, ein Orchester, das man hauptsächlich von den Meisterleistungen aus dem Orchestergraben der weltberühmten Mailänder Scala und vom jährlichen Open Air auf dem Domplatz der italienischen Kultstadt her kennt, auf dem Podium ist, dazu ein Dirigent, zu dessen Markenzeichen, die etwas anderen Interpretationen bekannter aber auch marginaler Meisterwerke zählt, ist der Erfolg einer Soiree, oder in diesem Fall einer Tournee, vorprogrammiert. Nach London, Budapest, Paris und vor einem zweitägigen Gastspiel im Wiener „Musikverein“ stand die renommierte „Filarmonica della Scala“ am Samstag auf der Bühne der hauptstädtischen Philharmonie.

Melodien aus der ukrainischen Folklore

Typisch für die auserwählten Tonkünstler ist ihre Vorliebe für die Verarbeitung russischer Volksweisen in ihren Werken. So hat Pjotr Iljitsch Tschaikowsky in seiner 2. Symphonie „Kleinrussische“, mit Vorbehalt die „kammermusikalischste“ unter seinen symphonischen Werken, Melodien aus der ukrainischen Folklore eingebaut. Mit einer erfrischenden Eleganz, die selbst die manchmal etwas schwermütigen Momente in neuem Glanz erstrahlen ließen, vermittelte Riccardo Chailly ein aufregendes Klanggebilde, das die gepflegten Klangfarben der verschiedenen Sektionen des hervorragenden Orchesters in den Mittelpunkt stellte und durch die besonders sorgfältig ausgewählten Tempi und aufregenden Tonschattierungen in den Tutti, die Reise durch die weite Landschaft mit Ferienstimmung zu einem einzigartigen Konzerterlebnis machte.

Erst im Finale

Durch den kontrastreichen Dialog zwischen der Holzbläsersektion und dem kompaktem Streicherensemble, der makellosen Inszenierung der ausgeprägten dynamischen Merkmale der einzelnen Register schaffte Chailly es, die Musik quasi „dreidimensional“ wirken zu lassen

Dadurch machte der Maestro die prunkvollen, durchwachsenen, sonoren Verstrickungen die in diesem Opus des damals 34-jährigen Tschaikowsky noch fehlen, wett. Ob das der Grund ist, weshalb die 2. seltener im Repertoire großer Orchester zu finden ist als die groß angelegten, effektvolleren Symphonien 4 bis 6? Das Pompöse, das wir von anderen späteren Orchesterwerken Tschaikowskys kennen, kommt erst im Finale voll zur Geltung. Durch die schlagartige Explosion des massiven Klangkörpers mit Pauken und Trompeten erlebten wir die gewaltige Fülle des Orchesters, dem Chailly bis dahin mit seiner raffinierten, flexiblen Kontrolle die wunderbarsten Timbres die man sich vorstellen kann, entlockt hatte.

Klangfarbenzauber

Mit Schostakowitsch hat Chailly sich an eine schwierige Kost herangewagt, die ihm nach eigener Aussage besonders am Herzen liegt und „nach jeder Aufführung eine Wunde zurückbleibt, die nicht vernarbt“. Aus der zehnminütigen Suite, einem Streifzug durch die Zwischenspiele der Oper „ Lady Macbeth von Mzensk“, die nach dem berühmten Prawda-Artikel „Chaos statt Musik“ 1936 von Stalin verboten und auf den Index gesetzt wurde, zauberte Chailly ein Feuerwerk an Klangfarbenzauber. Als ob er dieses Debakel, „ein tragisches Stück der russischen Musikgeschichte“ vorausgeahnt hätte schrieb der Komponist diese kurze Orchesterfassung zeitgleich mit der verschmähten Oper. Bemerkenswert ist die Handschrift Chaillys, dieser teilweise düsteren Musik, die Giftmord, Ehebruch, Vergewaltigung und Selbstmord illustriert, noch einen strahlenden, positiven Glanz zu entlocken.

Dritter im Bunde bei diesem Ausnahmekonzert war der 1920 nach Paris und 1940 nach Amerika emigrierte Igor Strawinsky, zeitlebens, berechtigt- oder fälschlicherweise, als Scharlatan verschrien, mit der aufwühlenden Balletsuite „Petruschka“ von 1911. Die Programmmusik in vier Sätzen beschreibt das turbulente Geschehen auf einem Jahrmarkt, das Chailly in seiner musikalischen Vorstellung so intensiv in Szene setzt, dass wahres Kopfkino entsteht.

Mit verführerischer Zärtlichkeit interpretiert die „Scala“ die tänzerischen Einlagen, verdeutlichtet lyrisch heitere Momente mit graziöser Eleganz, meistert die aufpeitschenden Blechbläsereinwürfe mit überzeugender Leichtigkeit und vermittelt dank des bestens organisierten dynamischen Ablaufs der einzelnen Szenen die hohe Kunst der Instrumentation Strawinskys, wobei Chailly den Solisten und Instrumentengruppen die nötige Freiheit bei der Interpretation der technisch höchst anspruchsvollen Phrasierungen lässt. Mal grotesk, mal zärtlich, ob sentimental oder mechanisch, Chailly hatte alles im Griff und bot eine perfekte Demonstration der Kommunikation und Symbiose innerhalb des großorchestralen Klanguniversums.

Auf jeden Fall ist die russische Musik bei dem italienischen Stardirigenten in besten Händen.