LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Jean Ehret hat am ehemaligen Priesterseminar die „Luxembourg School of Society & Religion“ aufgebaut - und noch viel vor

Wer Prof. Dr. Dr. Jean Ehret sehen will, muss auf den Kirchberg fahren. Dort steht, gar nicht so einfach zu finden, in einer kleinen Straße, die östlich des Hémycycle durch ein Wohngebiet verläuft, ein Hinweisschild. „Centre Jean XXII - Grand Séminaire“ steht darauf. Das Sträßlein zweigt ab, schlängelt sich einen Hügel hinauf und endet auf einem Parkplatz vor einem imposanten Betonbunker aus den 70er Jahren. Das ist das Reich des Geistlichen.

Ehret empfängt uns strahlend und führt erst einmal durch das Gebäude. Auf den langen Fluren riecht es noch leicht säuerlich nach Kantine, doch der 51-Jährige ist die Frische selbst, das Hemd blütenweiß, der schwarze Anzug tadellos. „Seit 2015 gibt es nun die Luxembourg School of Religion & Society, kurz LSRS“, sagt er, während er unentwegt an Türen klopft, um Mitarbeiter vorzustellen. „Hier ist die Bibliothèque du Consistoire israélite, die haben sie aus der Synagoge herüber geholt“, erzählt er. „Im ganzen Haus haben wir über 150.000 Bücher, das sind rund vier Kilometer! Wir sind eine öffentliche Bibliothek.“ Studenten der Sacred Heart University finden sich auf den langen Fluren des 1973 wie ein Kloster erbauten Gebäudes ebenso wie Philosophen, die Anglikaner oder die LSRS-Pressestelle. Die Shoura sei aber nicht da, obwohl er auch sie eingeladen habe. Rund 30 Menschen arbeiten hier für die LSRS, die heute das alte Priesterseminar abgelöst hat, das hier früher logierte. Während Ehret erzählt, dass es Mitarbeiter gibt, die sich mit dem Thema Missbrauch in der Kirche befassen, zaubert er eine Tasse und einen Regenschirm hervor, alles für den Besuch. Lächeln und Geben liegt in seiner Natur.

Ehret ist seit 2013 neuer Leiter dieses Ortes, der nicht mehr nur Eingeweihten bekannt ist. Sehen kann man das Gebäude nur, wenn man in den Türmen der EU darauf herunterblickt. Das 1845 gegründete Priesterseminar hatte viele Generationen von Priestern ausgebildet, dann auch Religionslehrer, nun kommt die LSRS. Ehret geht mit der Zeit. „Wir wollen keine Nabelschau, sondern gemeinsam mit anderen über Religion nachdenken“, versichert er. Die Luxembourg School of Religion & Society ist für ihn weit mehr als ein Job. Es ist eine Aufgabe.

Neuer Name, neue Identität

Der neue Name war ihm wichtig. 2015 wurde er offiziell eingeführt. „Wir wollten eine Bezeichnung, bei der die Leute nicht zusammenzucken.“ Ein Luxemburger Geschäftsmann, scherzt er, habe schon gemeint, die Abkürzung ähnele jener der LSE, der bekannten London School of Economics. Stolz ist er auch auf das schwarz-rote Logo. Neues Briefpapier und Visitenkarten bezeugen die neue Ära.

Ehret lacht, spricht über die Zusammenarbeit mit jüdischen akademischen Instituten in Paris und Berlin. „Wir haben eine Identität, die sich im Dialog formt“, betont er. Deshalb sei auch die Nähe der verschiedenen Religionsgemeinschaften im riesigen Gebäude so wichtig. Oft ginge es doch um die gleiche Frage. Zum Beispiel: „Wie kann ich heute ein verantwortlicher Mensch sein?“

Ehret führt in sein aufgeräumtes Büro, bietet Kaffee an und antwortet äußerst kurz auf die Frage, warum er Priester geworden ist: „Der Herrgott hat mich gerufen. Warum bleibe ich Priester? Die Suche nach Gott passioniert mich“, beteuert der Sohn einer Italienerin und eines Luxemburgers, der in Sanem aufwuchs und als Kind lieber Traktor fuhr als Klavier zu spielen. Seine gepflegten Hände rücken Dokumente auf dem Tisch zurecht. Er erzählt über Menschen, die ihm ihr Vertrauen schenken. Auch das ist ein wichtiger Grund für ihn. Denn Ehret ist immer noch als Priester aktiv; in der Michelskirche der italienischen Gemeinschaft in der Stadt. „Sie suchen Gott in verschiedenen Situationen. Ich suche mit den Menschen, verweise auf seine Spuren“, erklärt er seine Arbeit.

Kunst und Literatur

Natürlich hätte er auch ausschließlich Priester sein können. Aber hätte das einem vom philosophischen Hunger und Ehrgeiz seiner Art gereicht? „Hier finde ich den Raum, wo ich meine intellektuellen Fähigkeiten nutzen kann“, bekräftigt er. Kunstprojekte will er herholen. „Das passioniert mich!“ Ein Vorbild: eine Ausstellung über Maxim Kantor und Hieronymus Bosch in Wien - „Sachen, die wuff machen“, freut sich der Intellektuelle. Oder auch über Shelomo Selinger publizieren, der das Monument für die Opfer der Shoah geschaffen hat und andere Werke des Künstlers ausstellt. Auf den Geschmack kam er durch ein Literaturstudium. „Da konnte ich die Sprache finden, für das, was es so nicht in der Theologie gibt“, überlegt er mit Blick auf Leben, Freude, Leid in ihrer eigenen Dynamik, Körper, Emotionen, Sehnsüchte, Enttäuschungen. Zudem sei er ein institutioneller Typ, versichert Ehret, der genau weiß, wie umstritten sein Arbeitgeber aus vielen Gründen immer mal wieder ist.

Fragen danach beantwortet der Geistliche routiniert und kurz, gern auch mit Gegenfragen. Ist die katholische Kirche noch zeitgemäß? „Ich denke, wir brauchen Institutionen, die sich entwickeln“, sagt er knapp. Wie schafft er es, zu glauben und zu seiner Epoche zu gehören? „Ganz einfach, ich sage ja zum Leben und zum Glauben.“ Sollten die Ämter nicht auch für Frauen geöffnet werden? „Da schauen die Leute in unsere interne Küche; das regt die Diskussion an.“ Warum noch ein Zölibat? „Das ist eine Frage der Verfügbarkeit. Ohne Zölibat gäbe es nicht unbedingt mehr Kandidaten. Aber man würde anders mit der Frage nach Beziehungen umgehen“, antwortet er.

Ausführlicher wird Ehret, wenn er die Sprache auf Dogmen bringt. „Das sind Vektoren, die die Richtung weisen. Religionen haben sich über lange Zeit herausgebildet und sind flexibler als man denkt. Aber wenn ich über Religionen rede, verstehe ich sie als Grammatik, um Leben zu deuten, nicht als fertigen Text“, führt er aus und unterstreicht das lebhaft mit Gesten. Auch zum aktuellen Reizthema Missbrauch in der Kirche hat Ehret gearbeitet. „Wir haben eine besondere Verantwortung gegenüber den Schutzbefohlenen. Was mich bewegt: Warum hörte so lange niemand den Opfern zu? Was sind strukturelle, was diskursive Faktoren?“, wirft er Fragen auf. „Das Zölibat erklärt nicht, warum man etwas nicht wahrnehmen will oder kann.“ Ehret spricht von Präventionsarbeit, neuen Ausbildungen. „Wir haben die Leitlinien auf diözesaner Ebene umgesetzt, es gibt Präventionsschulungen für Haupt- und Nebenamtliche. Das gehört zur beruflichen Weiterbildung.“.

Reden mit allen gesellschaftlichen Akteuren

Aber was ihm wirklich am Herzen liegt, ist die LSRS. Sein Ziel: „Die Institution so ausbauen, dass wir ein intellektueller Gesprächspartner sind. Wir arbeiten über Religionen, Spiritualität, Ethik, Kunst, Gesellschaftsfragen... wir reden mit der allen gesellschaftlichen Akteuren.“ Seine Augen leuchten. Das hier, versichert er, sei ihm lieber als der Job des Bischofs, immerhin oberster Kirchenherr im Land. „Ich baue ein Forschungsinstitut auf, ich publiziere, bin auf Konferenzen. Ich bin Akademiker. Hier pendele ich zwischen Literaturwissenschaft und Theologie, zwischen Leben und Denken. Das gefällt mir.“

Dafür setzt er sich ein. Morgens schon beim Kaffee, abends bei Sozialverpflichtungen. Ehret ist kein Frühaufsteher und findet oft erst nach Mitternacht ins Bett. Davor beschäftigt er sich mit Texten. Vier Wochen arbeitet er durch, sagt er. Dann macht er ein Wochenende Pause. Wenn das Wetter es erlaubt, holt der die Ducati aus der Garage. „Das ist einfach top“, strahlt Hochwürden angesichts der 1.200 m³ Motorglück samt Vibration. Manchmal hält er unterwegs an, plaudert mit anderen Motorradfahrern. „Da begegne ich Leuten, die ich sonst nicht treffe. Das sind Benzingespräche, die gern auch tiefsinniger werden“, lächelt er. Niemand kommt dann auf die Idee, dass er Pfarrer ist. „Aber waren das Gespräch, die Begegnung schlechter?“ Mensch sein, anderen als Mensch begegnen, das ist für ihn grundlegend.

Noch eine Broschüre? Einen Kaffee? Ein Buch? Wer den Betonklotz verlässt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Ehret ihn von innen beleuchtet.