ANNETTE DUSCHINGER

Was waren das noch Zeiten, als Bauern mit Ochsengespannen den Pflug zogen und zu Fuß gingen, so wie sich das passt. Es war einmal mehr ein Genuss, die Reaktionen in den Internetforen auf die Protestaktion der Milchbauern zu verfolgen. Da regte man sich nicht etwa darüber auf, dass ein Berufsstand an die Existenzgrenze geführt wird. Weit gefehlt. Man ärgert sich darüber, dass die Bauern große Traktoren fahren und manche auch noch ein dickes Auto auf dem Hof stehen haben - welch ein Luxus, was wollen die denn eigentlich noch? Ja, der liebe Neid - eine der ganz großen Tugenden in diesem Land.

Apropos Tugenden: Da schlagen doch tatsächlich die Handwerker laut einem „Wort„- Artikel Alarm, weil es massiv an Nachwuchs fehlt. Metzger, Zimmerer, Maurer, Blechschmiede, Fassadenbauer und Dachdecker möchte fast keiner mehr werden und die auszubildenden Schüler seien unterqualifiziert, beklagt man. Schließlich hätten auch im Handwerk heute High-Tech und IT Einzug gehalten, die Ansprüche der Kunden an die zu leistende Qualität seien hoch und die Konkurrenz in der Großregion schlafe nicht. Von 100 Auszubildenden schaffen nur 40 die dreijährige Lehre zum Handwerksgesellen. Rund 2.000 Nachwuchskräfte müssten aber jedes Jahr nachrücken, um die Pensionsreifen zu ersetzen. 441 waren es 2014, die die Gesellenprüfung schafften.

Aber nicht nur das setzt dem Sektor zu. Die Firmenchefs beklagen die Arbeitsmoral und -disziplin der Lehrlinge: Morgendliche Unpünktlichkeit und ständiges Hantieren mit dem Smartphone, wo doch eigentlich Konzentration, Ausdauer, Fleiß und Motivation gefragt ist. Der Frust ist so groß, dass so mancher schon gar keine Lehrlinge mehr nehmen will. Von anderen Betrieben hört man, dass sie mühsam und kostenintensiv Lehrlinge ausgebildet haben - sogar so gut, dass sie Preise absahnten - und kaum hatten sie das Diplom in der Tasche ging es ab zur nächsten Gemeinde oder zum Staat. Auch diese Betriebe haben keine Lust mehr, überhaupt noch junge Leute zur Ausbildung anzunehmen. Und wieder hört man im Geiste die Stimme der Unzufriedenen aus dem Internet: Die sollen sich noch beklagen, dabei haben sie im Hof das dicke Auto stehen. Von den Baggern, Kränen und Lastwagen gar nicht zu reden ...

Ganz anders ist da die Stimmung in Deutschland. Laut einer gestern veröffentlichten Umfrage unter Personen im Alter von 30 bis 59 Jahren des Instituts für Demoskopie Allensbach bewerten satte 91 Prozent die Lebensqualität als gut oder sehr gut. Sogar die Hälfte der Personen mit niedrigem sozioökonomischen Status bezeichnen ihre Lebensqualität als gut bis sehr gut. Das Ergebnis zeichne das Bild einer satten „Generation Mitte“, die es sich in einem funktionierenden System bequem gemacht hat und deren Wunsch nach Veränderung eher schwach ausgeprägt sei. Man könnte sie auch „Generation Merkel“ nennen, hieß es gestern auf „Spiegel Online“. Und das in einem Land mit niedrigen Löhnen, teuren Mieten und hohen sozialen Unterschieden. Wie macht die Merkel das nur, dass fast alle zufrieden sind und sich keine politischen Änderungen wünschen?