PATRICK WELTER

Gibt es eigentlich in der Politik nichts Neues mehr? Erschöpfen sich die Neuerungen in einem von keiner Sach- und Weltkenntnis belasteten Präsidenten in Washington, der seit fast zwei Jahren mit Wonne den Elefanten im Porzellanladen gibt? Wiederholt sich alles?

1930er. Zuerst der Aufschwung der Rechten und Braunen, von Paris über Berlin bis nach Budapest und gerade erst in Andalusien. Ein Volk, ein Reich, ein Irrsinn. Da man heute weiß, wo die braune Schaumschlägerei hinführt, erschöpft sich deren Wählerpotenzial langfristig mit dem Erreichen der Idiotenquote von plus/minus 15 Prozent. Bedauerliche Ausnahme ist Ungarn, wo es der Protofaschismus bis in die Regierung geschafft hat.

1700. Fernab von den demokratischen Errungenschaften der letzten 20 Jahre, um nicht zu sagen fernab von 250 Jahren Aufklärung agiert die bigotte Regierung Polens: Zurück zur Herrschaft der Kleriker- was die Pfaffen von der Kanzel verkünden, ist Gesetz. Rückwärtsgewandtheit allenthalben. Politische Ideen, die aus ferner vor aufklärerischer Zeit stammen und alle schon gescheitert sind.

1968. Am letzten Wochenende sah es in Paris stark nach Mai 1968 aus. Autos brannten, es flogen Molotowcocktails und Tränengasgeschosse, der Arc-de-Triomphe wurde demoliert. Die TV-Sender wurden nicht müde, von bürgerkriegsähnlichen Zuständen zu berichten. Nur wofür? Zugegeben, die Ökosteuer und die damit verbundene Erhöhung der Kraftstoffpreise kann sich nur ein U-Bahn fahrender Bürokrat aus Paris ausgedacht haben, dem die Provinz - die für ihn schon jenseits der „Periphérique“ beginnt - völlig egal ist. Das flache Land braucht aber das Auto. Bis hierhin reicht auch mein Verständnis, aber... Während die 1968er zumindest einen theoretischen Unterbau vorweisen konnten und für einen Wandel der Gesellschaften standen - den sie auch in Teilen erreicht haben, bleibt die Frage unbeantwortet, wofür die „Gilets jaunes“ stehen. Wie nennt man eine Haltung, die verzweifelt am Prinzip des „Heizer auf der E-Lok“ festhält und Macron als „Präsident der Reichen“ betitelt. Den Slogan „Eat the rich“ haben aber schon britische Punks erfunden, also Randale um der Randale willen?

1948-1989. Der neueste Retrotrip wurde gerade in Moskau begonnen. Zar Vladimir spielt ja schon länger das altrussische Spiel des Binnenimperialismus: Abchasien, Transnistrien, Tschetschenien, Ostukraine, die Krim und seit neuestem auch das Asowsche Meer. Bis jetzt war hierzulande relativ egal, was Putin in seinem Hinterhof treibt. Es gab ein paar halbherzige Sanktionen, die natürlich allen Putin-Verstehern zu weit gegangen sind.

Jetzt spielt Vladimir auch noch „Kalter Krieg“. 35 Jahre nach der Nachrüstungsdebatte ist plötzlich wieder von russischen Mittelstreckenraketen die Rede, die auf Europa gerichtet sind. Wohlgemerkt keine einsame Spinnerei von Donald T., sondern NATO-Konsens. Nach Brüsseler Auffassung ein klarer Verstoß gegen den INF-Vertrag. Putin bestreitet das natürlich vehement, lässt aber im gleichen Augenblick den NATO-Ländern mit US-Raketenbasen durch seinen Generalstabschef mit „Zerstörung“ drohen.

Wenn sich Geschichte wiederholt, wird angeblich aus der Tragödie eine Farce. Schlimmer! Heute wird es eine „daily soap“ in Endlosschleife!