LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

In der Philharmonie wurde Stanley Kubricks „2001: A Space Odyssey“in der Reihe „Ciné-Concerts“ aufgeführt

Den endlosen Raum, das „horror vacui“ über unseren Köpfen mit Schall (und also Sinn) zu füllen - dieses Unternehmen fordert seit Beginn der Kinogeschichte Film- und Musikschaffende heraus. Wie hört sich das All denn eigentlich an? Welcher Art müssen Klänge sein, die uns die unermessliche Weite des Kosmos mitteilbar und erfahrbar machen wollen?

1968 lieferte uns Stanley Kubrick mit seinem Science-Fiction-Film „2001: A Space Odyssey“ hierauf eine fulminant wagemutige Antwort. In der „Philharmonie“ konnten letzten Donnerstag und Freitag die Bild- und Klangwelten dieses filmischen Meisterwerks bei einer konzertanten Aufführung erneut begangen werden.

Unter der Leitung des Dirigenten Frank Strobel begleiteten das „Orchestre Philharmonique du Luxembourg“ und der „WDR Rundfunkchor Köln“ den Sci-Fi-Klassiker, der seit fast fünfzig Jahren maßgeblich Einfluss ausübt auf die Art und Weise, wie wir uns das Weltall akustisch und visuell vorstellen.

Ob nun die kosmischen Chorgesänge in Terrence Malicks „The Tree of Life“ (2011), die raumfassende Wucht der Orgelklänge in Christopher Nolans „Interstellar“ (2014) oder die monumentale Eröffnung in Lars von Triers „Melancholia“ (2011) - der Rückbezug auf den Soundtrack und die Bildästhetik aus „2001: A Space Odyssey“ ist bei keinem der genannten Werke zu leugnen.

Eine derart aufwendige Wiederaufführung von Kubricks Film im Rahmen der Reihe „Ciné-Concerts“ war dementsprechend ein Muss für alle musikliebenden Cinephilen beziehungsweise alle filmliebenden Konzertgänger. Der Abend zeigte auf erhellende Weise, dass Filmmusik nicht ausschließlich als bloße Bildbegleitung zu erachten ist, dass sie mehr ist als der sekundäre Verstärker für die Aufnahmen auf der Leinwand. Stattdessen erlaubte die brillant präzise Aufführung es dem Publikum im ausverkauften Großen Saal, die einzelnen Stücke des Soundtracks in ihrer künstlerischen Komplementarität und eigenständigen Expressivität wahrzunehmen und anzuerkennen.

Eröffnet wird der knapp zweieinhalbstündige Spielfilm mit einer Nietzsche-Vertonung von Richard Strauss: „Also sprach Zarathustra“. Die einsetzenden Bläser in ihrer erkalteten und zugleich feierlichen Klarheit stimmten das Publikum auf jene kosmischen Ausmaße ein, die im Laufe des Abends erkundet werden sollten. Später kontrastierten die dissonanten Stücke für Chor des österreichisch-ungarischen Komponisten György Ligeti mit jenem klassisch harmonischen Walzer von Johann Strauss, der ein Andockmanöver eines Raumschiffs musikalisch begleitet und kommentiert. In einer Art galaktischer Drehchoreographie nähert sich dort ein Transporter einer Raumstation an.

Wie kaum ein anderer Film besticht „2001: A Space Odyssey“ durch seine kreative Lust, zu erkunden, wie wir als Menschen und als Künstler dem Weltall in all seiner Unfassbarkeit und Unsagbarkeit entgegentreten. Gerade deswegen hat sich die „2001“-Aufführung in der Reihe „Ciné-Concerts“ besonders gelohnt, beweist Kubricks Meisterwerk doch, dass sich eine Erschließung dieses existenziellen Sujets aller möglichen künstlerischen Ausdrücke bedienen muss. Dem nie erreichbaren Gesamtkunstwerk, dem jeder Artist (heimlich) entgegenstrebt, konnte man jedenfalls vergangene Woche zwei Mal zweieinhalb Stunden lang ein beeindruckend gutes Stück näher kommen.