LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Künstlerin Désirée Wickler inszeniert einen makabren Totentanz im neimënster

Vielleicht wird sie schockieren oder verstören. Vielleicht wird gekichert. Gerümpfte Nasen werden mit Sicherheit auf schmunzelnde Münder treffen. Die aktuelle Ausstellung „Eldorado - Ein Totentanz“ der Luxemburger Künstlerin Désirée Wickler im Kreuzgang der Abtei neimënster widmet sich der Allegorie des Totentanzes. Der Tod wird personifiziert. Nackte Figuren werden in wilden Posen mit Skeletten, kämpfend oder kopulierend, dargestellt. Gewiss wird die Schau zum Nachdenken anregen, weil sie nämlich der Gesellschaft den Spiegel vorhält.

Für das Sujet „Totentanz“ interessiere sie sich schon lange, erklärt Désirée Wickler. „Es ist ein Thema, das zwar dem Mittelalter entstammt, das ich aber dennoch für hochaktuell halte. Ich verbinde es in meinem Werk mit einer Gesellschaftskritik“, fährt sie fort. Ihr sei es nämlich mit dieser Ausstellung auch um einen Protest gegen die herrschende Gesellschaftsordnung gegangen. „Die Relativität der Machtverhältnisse spielt eine Rolle, denn egal wie mächtig man ist oder welche Funktion man innehat, im Tod ist jeder gleich“, meint Wickler. Dass die Ausstellung im Kreuzgang der Abtei organisiert wird, hat gleich mehrfach Symbolcharakter. „Es ist immerhin die Grabstätte der Kirche, wir wandeln demnach tatsächlich über Gräber. Zugleich ist es ein Ort, der Geschichte erzählt, der aber durch Kultur, die heute hier vermittelt wird, wieder lebendig wird“, bemerkt die Künstlerin.

Tanz in den Abgrund

Der Mensch steht in ihrem Werk stets im Mittelpunkt. Die Körperlichkeit spielt eine zentrale Rolle. Es geht um Fragen nach der eigenen Freiheit, um Regeln und Grenzen, letztlich um die Sinnsuche unserer heutigen Gesellschaft mit ihren verschiedenen grotesken Auswüchsen. Merkmale der Popkultur tauchen auf, die Macht der Werbung wird dargestellt. Anspielungen auf die Überpräsenz der sozialen Medien sind deutlich, die Machtlosigkeit des Einzelnen im Kampf gegen den Klimawandel wird greifbar und das Versagen in einer leistungsorientierten Gesellschaft thematisiert. Es geht um Stereotypen, Sexismus, Pornografie und die Frage, wie diese Bilder unsere Gesellschaft beeinflussen, wie sie letzten Endes die zwischenmenschlichen Beziehungen verändern.

„Alles ist ein gefühlter Tanz in den Abgrund. Die Sorge um die Zukunft ist gleichzeitig eine permanente Party, weil wir diese Angst vergessen wollen“, bringt es Désirée Wickler auf den Punkt. Inspiration hat sie derweil in dem Gedicht „Eldorado“ von Edgar Allen Poe gefunden. „Darin geht es um die Suche des Protagonisten nach dem sagenumwobenen goldenen Schatz. Er reitet los, wird immer älter, der Tod ist sein permanenter Begleiter, erst als Schatten, dann als Schwermut, der auf seinen Schultern lastet und schlussendlich als Tod, der ihn ereilt, ohne dass er sein Ziel erreicht hat“, beschreibt sie. Das Spiel mit Licht und Schatten ist elementar in ihrer Arbeit. Die Farbe Gold wiederholt sich in allen Zeichnungen, genau wie Logos als roter Faden auftauchen.

Lëtzebuerger Journal

Viel schwarzer Humor

Der Rundgang durch die Ausstellung beginnt bei dem Werk „Coffee to go“. „Wir hasten von einem Ort zum nächsten, mit dem Kaffee für unterwegs, dem Koffeinkick, der uns einen Moment der Entspannung verspricht, aus dem wir aber allzu schnell wieder gerissen werden“, erklärt sie. Sie zeichnet figurativ, teils skizzenhaft, setzt dabei auf Mischtechnik, erzeugt letztlich eine unheimliche Atmosphäre und würzt das Ganze mit viel schwarzem Humor. „Ich mag dieses Rohe und Unfertige. Und ich mag diese gewisse Doppeldeutigkeit“, sagt sie. Das Resultat beschreibt sie als eine Art Traumwelt, die ihren Ursprung in der Realität hat - ein moderner Totentanz, der den Menschen gleichzeitig als Paradoxon zeigt.

Im Werk „Follower“ richtet sie den Fokus auf Instagram und Facebook. „Ich beschäftige mich mit der Frage, wie man sich in den sozialen Medien präsentiert. Selbstoptimierung spielt eine große Rolle. Man zeigt sich, wie man sein will. Das führt dann wiederum dazu, dass es einem nicht gut geht. Der Follower taucht hier in der Gestalt des Todes auf“, beschreibt Wickler. „Superstar“ bezieht sich auf die unzähligen Talentshows. „Es geht um die Idee, sich der ganzen Welt auf der Bühne zu zeigen und gefeiert zu werden, anderseits dann aber auch um die Kehrseite. Letzten Endes wird man wieder fallen gelassen“, führt sie weiter aus.

Die Körper in ihren expressiven Bewegungen entstehen zuerst. Die Mischung zwischen Tanz und Kampf verleiht den Figuren eine spürbare Dynamik, ebenso aber auch eine gewisse Radikalität. „Ich sehe, wie sich die Figuren entwickeln und kombiniere dann den Rest. Die Form der Leinwände ist natürlich an den Fenstern und dem Gewölbe des Kreuzgangs inspiriert, aber auch am Klischee Grabstein“, erfahren wir.

24 aussagekräftige Bilder sind in der Schau zu sehen, jedes erzählt eine etwas andere Geschichte. Anderthalb Jahre hat sie daran gearbeitet. „Das Gesamtkonstrukt hatte ich wohl von Anfang an im Sinn, ausgehend eben von Poes Gedicht. Ich habe mich erst einmal ausgiebig mit der Frage beschäftigt, wie ich diese Thematik des Totentanzes ins Heute transportieren kann. Erst dachte ich vielleicht durch Kleidung und einzelne Accessoires. Eine Krawatte bedeutet aber nun auch heute nicht mehr, dass man ein Banker ist, beziehungsweise arm oder reich. An der Kleidung lässt sich der Stand demnach nicht erkennen“, gibt sie zu bedenken. Vieles habe sich dann während der Recherche ergeben. Mit „Coffee to go“ war der Anfang gemacht und die Richtung, in die die anderen Werke gehen sollten, gefunden.

Lëtzebuerger Journal

Onanierendes Skelett

Zu der Ausstellung gehört außerdem eine motorisierte Installation: Sie zeigt ein Skelett, das auf einer alten Wehrmachtskiste sitzt und onaniert. Der Titel: „Das Heilsversprechen“. Die Installation ist eine klare Referenz an den Zweiten Weltkrieg und deutet zugleich die Männlichkeit der Kriege an. „Im Krieg ist der Tod quasi der einzige Gewinner. Er holt sich wortwörtlich einen darauf runter, dass wir Menschen nicht dazulernen. Der Lustgewinn des Todes, diese mechanische Handbewegung, das hat nichts mit Ekstase zu tun, sondern mit einem sich immer wiederholenden Thema. Dahinter steckt auch die Symbolik, dass Vergewaltigung sehr lange eine der Kriegswaffen war und auch bis heute geblieben ist. Das einzige was bleibt, sind die Verwundeten“, verdeutlicht Wickler.

Es versteht sich von selbst, dass Provokation mehr als nur eine marginale Rolle in dieser Expo spielt. „Wenn es um Sex, Gewalt und Tod geht, gehört Provokation automatisch dazu. Ich gehe trotzdem davon aus, dass man als Besucher ein bisschen schwankt, zwischen schockiert sein und das Ganze als lustig empfinden. Vieles hat einen gewissen Humor, den man entweder mag oder eben nicht“, bemerkt die Künstlerin. Alle 24 Darstellungen finden sich derweil als Drucke in einem Künstlerbuch wieder, das ebenfalls im neimënster gezeigt wird.

Die Ausstellung, zu der auch ein Rahmenprogramm gehört, läuft bis zum 15. Dezember. Weitere Infos unter www.neimenster.lu