LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„UNexpected Treasures“ aus der Nationalbibliothek und dem Literaturarchiv im „natur musée“

Seltene Einblicke in die Sammlungsbestände der staatlichen Kulturinstitute Luxemburgs werden derzeit im „natur musée“ geboten. Für die Sonderausstellung „UNexpected Treasures“ haben unter anderem die Nationalbibliothek (BnL) und das Literaturarchiv (CNL) eine Auswahl ihrer kostbarsten Schätze zur Verfügung gestellt. „D’Vulleparlament am Gréngewald“ von Dicks dürfte wohl auch heute noch jedem ein Begriff sein. Der „Codex Mariendalensis“ ist ebenfalls bekannt und Roger Manderscheids „Schacko Klak“ erst recht. Allerdings bekommt man gewöhnlich nie wertvolle Originaldokumente zu Gesicht und kennt noch dazu kaum die Geschichten und Anekdoten, die sich dahinter verstecken.

Während einer geführten Besichtigung unter dem Motto „Un institut, une visite“ haben wir uns vor kurzem mit CNL-Direktor Claude D. Conter und Luc Deitz, Konservator an der BnL, auf die Spur der luxemburgischen Literatur bis ins Mittelalter zurückbegeben und die Entwicklung des Luxemburgischen vom Dialekt bis zur Nationalsprache über bestimmte Schriftstücke verfolgt.

Kostbarste Handschrift: die „Riesenbibel“

Wir beginnen unsere Tour bei dem Exponat, das laut Luc Deitz am Ursprung der Ausstellung steht: die imposante, gut erhaltene Echternacher „Riesenbibel“. „Sie ist tatsächlich unsere kostbarste Handschrift. Als Xavier Bettel kurz nach seiner Ernennung zum Kulturminister bei uns in der BnL war, lag sie zufällig bei mir im Büro. Er war so begeistert, dass die Idee einer Ausstellung aufkam“, berichtet Deitz. Geschrieben wurde die „Riesenbibel“ um 1030 in Echternach. „Sie wurde seinerzeit auch tatsächlich benutzt und lag nicht etwa nur im Tresor, was man an manchen Seiten erkennt, die abgenutzter sind. Der direkte Bezug zu Echternach liegt auf der Hand, sie enthält etwa Predigten über Willibrord und ist damit gleichzeitig eine der wichtigsten Quellen über sein Leben. Wissenschaftlich hat diese Handschrift einen immensen Wert, der noch nicht voll ausgeschöpft ist - in der Tat wurde die ,Riesenbibel‘ noch relativ wenig studiert“, weiß Deitz.

Geschrieben wurde im Mittelalter auf Pergament, also Tierhaut. „In unseren Gegenden wurde die Haut von Kühen genutzt, daher auch der Ausdruck ,dat geet op keng Kouhaut‘. Die Kuhhaut war das größte physische Objekt. Wenn also etwas nicht auf eine Kuhhaut passte, dann hatte man tatsächlich viel zu sagen. Ein solches Werk hatte auch damals schon einen großen materiellen Wert. Für die ,Riesenbibel‘ war immerhin eine Herde von 220 Kühen nötig“, erzählt Deitz.

Ältestes Dokument auf Luxemburgisch

Aus der Orvaler Sammlung ist eine Handschrift der „Historia Naturalis“ von Plinius zu sehen. „Es ist die vom Format her größte Handschrift eines klassischen lateinischen Autors vor 1200“, so Deitz. Sehr viel kleiner vom Format her ist der „Codex Mariendalensis“, dafür aber nicht weniger wertvoll. In 6.000 Reimversen wird die Geschichte von Yolande, der Tochter von Graf Henri I. von Vianden und seiner Frau Margarethe de Courtenay, erzählt. Gegen den Willen ihrer Eltern wollte sie 1248 in das Dominikanerinnenkloster im Marienthal eintreten. „Ihre Geschichte gilt als das älteste erhaltene Dokument, das auf Luxemburgisch verfasst wurde, beziehungsweise in Westmoselfränkisch, also einer Vorform des heutigen ,Lëtzebuergesch‘“, erklärt Deitz. Der „Codex Mariendalensis“ wurde Anfang des 14. Jahrhunderts vom Dominikanerbruder Hermann von Veldenz geschrieben. „Bis ins 17. Jahrhundert lag die Handschrift im Marienthal. Der luxemburgische Gelehrte Alexander Wiltheim schrieb sie ab und übersetzte sie Wort für Wort ins Lateinische. Latein war ja damals das Englische von heute. Diese Abschrift von 1650 gelangte schließlich nach Prag, wo sie um 1900 von Germanisten entdeckt und veröffentlicht wurde“, erfahren wir. Niemand hätte derweil gewusst, wo sich das Original befand. „In den 1930er Jahren wurde erstmals wieder darüber geredet, doch dann kam der Krieg und danach galt der Codex als verschollen“, so Deitz. Erst 1999 wurde er in der Bibliothek auf Schloss Ansemburg wiederentdeckt.

Auflösung des „Vulleparlament“

Vom Leben der Grafentochter machen wir einen Sprung ins 19. Jahrhundert, genauer ins „Vulleparlament am Gréngewald“ von Dicks (Edmond de la Fontaine). „Der Text ist für die Luxemburger Literatur von besonderer Bedeutung. Er wurde seinerzeit anonym veröffentlicht. Das ist immer ein Indiz dafür, dass etwas faul ist“, lacht Claude Conter. Am 5. November 1848 wurde das Gedicht zum ersten Mal veröffentlicht, dies in der regierungstreuen Zeitung „Der Volksfreund“, die Dicks‘ Vater, dem damaligen Gouverneur von Luxemburg Gaspard-Théodore-Ignace de la Fontaine nahestand. Die Luxemburger Verfassung, die im September 1848 verabschiedet wurde, war weit liberaler als jene von 1841, und führte dazu, dass im Parlament mehr Leute - insbesondere aus verschiedenen Ständen - vertreten sein konnten. In seinem „D’Vulleparlament“ macht sich Dicks über manche Abgeordnete besonders lustig.

„Das Gedicht war so erfolgreich, dass es überall in den Gassen gesungen wurde. Das missfiel manchen Parlamentariern, weil sie sich persönlich angegriffen fühlten. Zu juristischen Schritten kam es zwar nicht, dafür wurden aber zwei Fragen gestellt. Finanziert die Regierung den ,Volksfreund‘? Und was verdient der Gouverneur? Vier Tage später hat Théodore Ignace de la Fontaine seine Demission eingereicht. Es hatte sich herausgestellt, dass er enorm viel verdient und verschiedene Ämter kumuliert, was nicht mehr tragbar war“, erklärt Conter. „Dicks hat später in einem Dokument hinzugeschrieben, bei welchem Vogel es sich um welche Person handelt. Er hat das Ganze also aufgelöst. Solche Dokumente sind wirklich Unikate“, präzisiert er.

Großherzogliche Hymne

Ein paar Schritte weiter sind wohlbekannte Klänge zu vernehmen, die man unweigerlich mit der großherzoglichen Familie in Verbindung bringt: „de Wilhelmus“. Wer den Text geschrieben hat, ist jedoch weniger bekannt: Nikolaus Welter aus Mersch. Die erste Version stammt aus dem Jahr 1915. „Anlass war das Silberjubiläum von Großherzog Adolphe, der 1890 von Hessen ins Luxemburger Land kam. Es war sozusagen der Moment, wo die Personalunion zwischen Holland und Luxemburg über den König-Großherzog aufhörte und Luxemburg eine eigene Dynastie bekam. Nik Welter war ein sehr Monarchie-loyaler Intellektueller - später auch Politiker -, deshalb schrieb er diesen großen Lobgesang“, verdeutlicht Conter.

Die Version, die wir heute kennen, entstand derweil erst fünf Jahre später. In der Zwischenzeit hatte Luxemburg in einem Referendum entschieden, das Wahlrecht für die Frauen zu öffnen und weiterhin eine Monarchie zu bleiben. Noch dazu hatten sich die Bürger für Großherzogin Charlotte ausgesprochen, Marie-Adelheid musste zurücktreten. „Für die Hochzeit von Großherzogin Charlotte und Prinz Félix schrieb Nik Welter dann die bekannten Zeilen ,Zwee Kinnekskanner, déi trei sech sinn‘, demnach ein neues Lied auf eine alte Melodie“, präzisiert Conter.

Die ersten luxemburgischen Romane

Obwohl sich ab 1821 eine dreisprachige Literatur in Luxemburg zu bilden beginnt, stellt sich die Frage, ab wann tatsächlich von „Lëtzebuergesch“ geredet werden kann. „Dicks selbst sprach in diesem Kontext stets von ,unserem Deutsch‘. Das war völlig gängig zu jener Zeit. Im Laufe des 19. und 20. Jahrhundert wurde daraus eine Luxemburger Mundart. Das war auch die Bezeichnung, die Nikolaus Welter benutzte. Vom Luxemburgischen als eigenständige Sprache wird erst seit dem Gesetz von 1984 geredet“, bemerkt Conter. Die Literatur habe indes wesentlich zur Anerkennung des Luxemburgischen beigetragen. Im 19. Jahrhundert seien insbesondere Gedichte und Theaterstücke in luxemburgischer Sprache verfasst worden. Erst danach sei in Prosa geschrieben worden. „Guy Rewenigs ,Hannert dem Atlantik‘ aus dem Jahr 1985 wird oft als erster luxemburgischsprachiger Roman bezeichnet, dabei gab es bereits welche in den 1920er Jahren. Es stimmt aber, dass erst in den 1980er Jahren verstärkter auf Luxemburgisch veröffentlicht wurde“, erfahren wir weiter.

Auch Roger Manderscheid, der bis zu jenem Zeitpunkt auf Deutsch tätig war, entdeckte das Luxemburgische für sich. 1988 erschien „Schacko Klak“. Was aber die wenigsten wissen: Der Generationenroman war ursprünglich auf Deutsch verfasst. „Nach 70 Seiten hatte Manderscheid festgestellt, dass diese Sprache nicht für den Roman funktionierte. In seinem Nachlass wurde sogar eine komplett fertige Fassung auf Deutsch gefunden“, sagt Conter. Da es in den 1980ern noch keine kodifizierte Orthografie gab, wusste auch niemand, wie man Luxemburgisch richtig schreibt. „Manderscheid war sich nicht sicher und experimentierte. Ganze Listen finden sich, seitenweise probierte er verschiedene Schreibweisen aus“, so Conter. Genau wie „Hannert dem Atlantik“ trug auch „Schacko Klak“ schließlich dazu bei, dass die Leute erkannten, dass man einen Roman auch auf Luxemburgisch schreiben kann und es eine sehr kreative Sprache ist.

Am 31. Juli ist es an Josée Kirps, Direktorin der Nationalarchive, in einer geführten Besichtigung die ausgestellten unerwarteten Schätze aus ihrem Haus genauer zu erklären

ZUR AUSSTELLUNG

Das weitere Rahmenprogramm

An der Sonderausstellung „UNexpected Treasures“ beteiligen sich neben der Nationalbibliothek und dem Literaturarchiv, auch das „Centre national de l’audiovisuel“ (CNA), die „Archives nationales“, das „Centre national de recherche archéologique“, das „Musée Dräi Eechelen“, das „Musée national d’histoire et d’art“ (MNHA), das „natur musée“ und der „Service des sites et monuments nationaux“. Sie läuft noch bis zum 26. August. Öffnungszeiten: dienstags 10.00-20.00, mittwochs bis sonntags 10.00-18.00. Ausstellungskurator Patrick Michaely führt am 22. Juli und 26. August jeweils um 16.00 in französischer Sprache durch die Expo, sowie am 14. August um 18.30 auf Luxemburgisch. Unter dem Motto „Un institut, une visite“ steht am 31. Juli um 18.30 noch eine letzte Besichtigung an, diesmal mit Josée Kirps (Archives nationales). Anfragen für weitere „visites guidées“ unter der Tel. 46 22 40-312. Am 24. Juli um 18.30 steht außerdem eine Konferenz auf dem Programm: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr…“. Der außergewöhnliche Fund eines nahezu kompletten Dromedars in einem römerzeitlichen Brunnen des Vicus von Mamer-Bertrange – ein Vortrag in deutscher Sprache von Franziska Dövener (Centre national de recherche archéologique).