LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Regisseur Stefan Maurer über das Theaterstück „~[ungefähr gleich]“

Was erwartet das Publikum wohl an einem Theaterabend, wenn die Computertastatur noch nicht einmal das Sonderzeichen hergibt, das nötig wäre, um den genauen Namen des Stücks wiederzugeben? In Schriftform übersetzt hieße es jedenfalls „ungefähr gleich“. Geschrieben hat es der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri.

Heute Abend feiert es in einer Inszenierung von Stefan Maurer Premiere im Kapuzinertheater. Der deutsche Regisseur, der in Luxemburg zuletzt Heinrich von Kleists „Penthesilea“ (TNL) und Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“ (Kasemattentheater) auf die Bühne brachte, stand uns im Vorfeld Rede und Antwort.

„Ungefähr gleich“ liest sich das Ganze, worum geht es?

Stefan Maurer In dem Stück werden Geschichten von Menschen - die „homo oeconomicus“ - erzählt, die sich getrennt von der Gesellschaft fühlen. Was sie trennt, ist das Geld. Nacheinander treten in jedem Akt Figuren mit ihren Erzählungen auf, wodurch große theatralische Bilder entstehen. Da gibt es ganz unterschiedliche Hintergründe. Eine Figur ist auf Jobsuche, eine andere kommt aus einem gutbürgerlichen Elternhaus und hat Aussteigerträume, eine weitere lebt auf der Straße. Wir lernen einzelne Lebensgeschichten kennen und werden mit Fragen konfrontiert. Was ist ein Mensch wert? Was ist ein Theaterabend wert. Ist man durch Geld frei? Oder ist man erst frei, wenn man frei vom Geld ist? Daraus macht Khemiri dann eine Art Spiel, und hinterfragt natürlich die Bedeutung des Geldes.

Stefan Maurer ist dem Luxemburger Publikum bereits durch Inszenierungen wie „Penthesilea“ oder „Der goldene Drache“ bekannt. Foto: Hervé Montaigu - Lëtzebuerger Journal
Stefan Maurer ist dem Luxemburger Publikum bereits durch Inszenierungen wie „Penthesilea“ oder „Der goldene Drache“ bekannt. Foto: Hervé Montaigu

Was ist das Besondere an dem Stück?

Maurer Auf jeden Fall ist die Erzählweise etwas Besonderes. Sie ist aber unaufdringlich, so als würde man ein Buch oder eine Geschichte lesen. Für die Schauspieler ist es im Entstehungsprozess schon eine Herausforderung. Es ist aber ein bisschen so wie beim Ballett: Es ist harte Arbeit, doch am Ende sieht man nicht, dass es harte Arbeit war.

Ist es ein tragisches Stück, ist es komisch, soll es zum Nachdenken anregen? Lässt es sich überhaupt eingrenzen?

Maurer Durch diese Erzählform ist es ein recht eigenwilliges Stück. Es hat sehr viele Facetten von Spielarten, mal theatralisch hochgezogen, mal ganz einfach mit dem einen oder anderen Witzchen. Die Spannbreite an Genres ist groß. Wenn man es unbedingt wissenschaftlich einordnen will, könnte man sagen, es ist Erzähltheater, aber das ist ja auch kein sehr fixer Begriff. Letztendlich ist es ein Stück über den menschlichen Zustand, der teilweise bizarre oder lustige Seiten hat, zum Teil aber auch tieftraurige. Das Wesentliche an „ungefähr gleich“ ist, dass es tatsächlich ein aktuelles Gefühl von heute vermittelt. Schicksalserzählungen stehen im Vordergrund.

Im deutschsprachigen Raum wurde „ungefähr gleich“ im Herbst 2015 erstmals aufgeführt. Haben Sie eine der Inszenierungen gesehen?

Maurer Nein, natürlich ganz bewusst nicht, ich will eigentlich nie sehen, wie andere etwas gemacht haben. Bei dem Klassiker ist das anders, den hat man natürlich schon gesehen und hat dann auch sein Verhältnis dazu. Bei einem neuen Stück ist es besser, wenn man frei davon ist.

War die Arbeit eine Herausforderung für Sie?

Maurer Es war nicht ohne, aber wie gesagt, sieht man am Ende nichts davon, hoffe ich zumindest (lacht). Wie ich an eine Inszenierung rangehe, hängt letztlich immer vom Stoff ab.

Wie kam die Zusammenarbeit mit den Schauspielern zustande?

Maurer Ich habe mit allen schon mal gearbeitet, insofern sind das alles Leute, die ich bereits kenne. Das ist erstmal eine gute Grundvoraussetzung. Auf der anderen Seite sind natürlich Leute, mit denen man noch nicht gearbeitet hat, manchmal wunderbare neue Begegnungen, wie im richtigen Leben.

Wie wichtig ist das Bühnenbild bei dieser Produktion?

Maurer Sehr wichtig. Es muss einen Freiraum bieten, damit man in die einzelnen Fantasien springen kann, von einer Erzählung in die nächste, von einer Szene in die nächste und dann wieder zurück.

Hanna Rode hat sich dafür einen Raum ausgedacht, der wie eine Arena wirkt, wie eine Bewusstseinsblase, in die immer wieder andere Figuren hineintreten oder durchgehen. Auch die Kostümierung ist wichtig. Es gibt Figuren, die aus dem 19. Jahrhundert kommen, andere aus den 70er Jahren, weil sie im Kopf des Erzählenden sind, da geht ja alles.

Das hört sich nach einem ziemlich rasanten Stück an?

Maurer Sagen wir mal so, da ich sehr zu rasanten Arbeiten neige, ist diese Produktion für meine Verhältnisse gar nicht so temporeich, wir haben ausreichend Luft gelassen, aber das mag jemand anderes vielleicht anders bewerten.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie in Luxemburg arbeiten, wie kommt’s?

Maurer In Luxemburg kann man sehr gut arbeiten. Es gibt eine sehr offene Atmosphäre, die viel Freiraum bietet, was natürlich für eine künstlerische Arbeit ideal ist. Der Austausch ist sehr offen. Wenn es nach mir ginge, wäre es nicht das letzte Mal, dass ich hier arbeite (lacht).

„ungefähr gleich“ wird am 27. und 28. September sowie am 4. und 5. Oktober jeweils um 20.00 im Kapuzinertheater gespielt. Auf der Bühne stehen Konstantin Bühler, Petra Förster, Sebastian Herrmann, Catherine Janke, Nora Koenig und Raoul Schlechter. Infos und Tickets unter www.theatres.lu