LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Denn Hitler sitzt im Wohnzimmer

Ich kann nicht schlafen. In mir kreisen derweilen unerträgliche Gedanken und es quälen mich Problemfragen, für die ich keine Antwort finde, obwohl ich die Dringlichkeit nach Lösungsansätzen deutlich verspüre. Ein Philosoph der bei der Problemlösung scheitert? Klingt wie ein Bäcker, der es nicht fertigbringt, Brot zu backen oder gar das Rezept dafür auszuarbeiten, und dies obwohl er weiß, dass die Menschen hungern.

Warum ich Sie aber damit belange, fragen Sie sich bestimmt? Nun, der Gegenstand meiner Unruhe betrifft uns alle, unser aller Leben und Zukunft, sowie die unserer Nachfahren. Stellen Sie sich vor, dass Ihnen in brutalster Weise Ihre Familie geraubt würde – Ihre Eltern werden vor Ihren Augen erschossen, Ihre kleinen Geschwister von Fremden weggezerrt und Ihre Kinder aufs Gröbste geschunden. Ihr gesamtes Lebensumfeld wird zerstört und dass Sie überhaupt noch am Leben sind, grenzt an ein kleines Wunder. Zuvor lebten Sie ein Leben, wie es der Üblichkeit entsprach, ehe einige Wenige auf die Idee kamen, dass Sie aber eigentlich gar nicht der gewollten Üblichkeit entsprechen und deswegen dem Leben auf Erden nicht würdig wären.

Dass sich genau dieses Szenario einige Menschen nicht vorstellen können, scheint eine mögliche Erklärung zu sein, warum nationalsozialistische Tendenzen wieder auf dem Vormarsch sind. Die alte wehret-den-Nazis-Leier, werden einige von Ihnen jetzt wohl denken. Und ja – es ist dies, was mir den Schlaf raubt. Nicht nur, dass Massenvernichtung von Menschen tatsächlich Realität war und ein Leid über die Menschheit brachte, das von unvorstellbarem Ausmaße war, nein, es droht eine neue Auflage, wenngleich auch eventuell in anderer Form. Um die Gefahren scheinen wir alle zu wissen, gibt es doch zahlreiche Geschichtsdokumentationen und Mahnungen. Dennoch scheint es eine Wendung in der Gesellschaft zu geben, die auf erschreckende Weise die Vergangenheit zurückholt. Sie kennen die Indikatoren: Polen, Orban, AfD,… weit muss man sie nicht herholen, sie sind klar. Was weniger klar ist, sind die Merkmale gesellschaftlicher Disruption die uns seit einiger Zeit begleiten. Eine Gesellschaft zu spalten ist der beste Weg, Unzufriedenheit und Misstrauen zu fördern, ein Zusammensein aufzubrechen und Raum für Propaganda und Hass zu schaffen. Wenn in den sozialen Medien gezielt darauf hingearbeitet wird, bestimmten Personen ausgewählte Inhalte zu zeigen, um Meinungen zu schaffen und zu stärken, ist dies im Ungefähren das, was vor gut 80 Jahren angestiftet wurde – ohne die Reichweite und Schnelligkeit der Übermittlung, die wir heute kennen.

Dies geschieht, obwohl wir gewarnt sind, obwohl wir darüber diskutieren. Obwohl wir wissen, dass wir achtsam sein müssen. Und dennoch gibt es Gauland, Le Pen und allen voran Bannon, die sich nicht zufrieden geben werden, bis sie mehr Macht und Gewalt, durch gesellschaftliche Spaltung, der Nährboden für ihre nationalsozialistischen Ideen. Die Aussagen betreffender Kandidaten sind frei zugänglich, nur gehen sie unter, werden überlesen, schnell drüber gescrollt. Vielleicht sind wir nicht mehr gewohnt, kritisch mit Medien und Informationen umzugehen oder unsere Ohren und Augen zu spitzen – die tägliche Reizüberflutung tut ihre Wirkung. Doch auch wenn die Problemlage einen einholt, wie es mir momentan geschieht, dann wird geraten, dass man sich nicht verrückt machen sollte, dass man deswegen seinen eigenen Alltag nicht hintanstellen dürfe. Ist dies wirklich die Sichtweise, mit der sich die Menschheit vor Unheil bewahrt, oder ist es dann doch der Mensch, der das Unheil vor sich wegzuschieben versucht? Während die einen sich in Verdrängung üben, skizzieren die anderen vielleicht schon die rechteste Roadmap des Jahrhunderts. Eine der rezenten Aussagen aus der Riege der AfD – die Identität der Kulturnationen müsse gewahrt werden – als Indikator und Wegweiser? Vermeidung unreiner Einflüsse? Nazi-GAU als Vogelschiss? Werden nicht genau jetzt die Augen aufgemacht, steht Hitlers Alter Ego nicht nur vor der Tür, sondern sitzt im Wohnzimmer oder entsendet Freundesanfragen.

Dabei ist in jedem von uns genug Potenzial enthalten, um gemeinsam über Lösungen nachzudenken, um zur Verbesserung der politischen Lage – die regierenden Parteien sind natürlich nicht unverantwortlich daran, dass sich zurückgelassen fühlende Menschen extremrechts oder -links mobilisieren – beizutragen. Ja, jeder kann im Kleinen Güte und Zusammenhalt leben, nicht zuletzt um den Wert dessen zu erkennen, was Gemeinsamkeit in der Menschheit eigentlich bedeutet: Die Bündelung von Energien, um wirklich etwas gestalten zu können und verheerenden Mächten, denen das Nazitum als Pausenbild dient, wirksam Paroli bieten zu können.

Wir sind dessen fähig, und dass wir dies bislang nicht ausreichend nutzen oder den Ernst der Lage nicht einmal wahrnehmen, das raubt mir den Schlaf.