LUXEMBURG
SVEN WOHL

Immer mehr Influencer verbreiten Verschwörungstheorien – Wie man sich auch als Fan schützt

Verschwörungstheorien verbreiten sich im Netz. Die Corona-Krise hat diesen Trend nicht nur weiter vorangetrieben, sondern auf den ersten Blick scheinen sich immer mehr Social-Media-Stars und Influencer daran zu beteiligen. Wir führten ein Gespräche mit Carmen Michels von BEE SECURE, woran dies liegen könnte und wie Jugendliche und Erwachsene sich schützen können.

Wie skeptisch sollen Jugendliche solchen Influencern und Internetpersönlichkeiten gegenüber sein?

Carmen Michels Eigentlich sollte man bei jeder Information, egal ob die von einem Instagrammer kommt, oder sonst einem Ort aus dem Internet, skeptisch sein. Drei Fragen sind hier wichtig: Wer steckt hinter der Information? Sind die Quellen vertrauenswürdig? Wie berichten andere Medien über dieses Thema?

Bei der ersten Frage lautet in diesem Fall die Antwort: der Influencer. Dann müssen wir uns fragen, was wir über diesen wissen: Wer ist diese Person, welche Werte vertritt sie und wie sieht es mit dessen Kenntnisstand zu diesem Thema aus? Hier finden sich bereits viele Informationen auf den Kanälen dieser Person. Auf Youtube ist zu sehen, wie sich diese Person beschreibt und welchen Kanälen sie folgt. Bei Kanälen, die immer wieder Verschwörungstheorien verbreiten ist die Ausrichtung eindeutig.

Auch soll man das Format hinterfragen. Videos können etwa mit Musik oder etwas anderem hinterlegt sein, das mich beeinflussen kann und Emotionen in mir wecken soll. Macht mich ein Video wütend oder traurig, hindert es mich daran, die Informationen zu hinterfragen.

Wie soll man sich verhalten, wenn ein Influencer plötzlich beginnt, Verschwörungstheorien zu verbreiten?

Michels Die erste Herausforderung liegt bereits darin, diesen Wandel zu erkennen. Wenn man es erkennt, kann man ihn entfolgen. Doch aus Gründen einer differenzierten Meinungsbildung und um nicht in eine Filterbubble hinein zu rutschen, wäre es eventuell interessant, diese Inhalte weiter zu sehen. Vorausgesetzt, man ist sich bewusst, dass dieser Influencer dann in eine bestimmte Richtung argumentiert. Dadurch, dass man dieser Person weiter folgt, hat man allerdings einen Einfluss auf die Verbreitung von dessen Ansichten. Eine andere Möglichkeit besteht darin, mit Freunden darüber zu sprechen. Da man Gefahr läuft, dass diese sich in der gleichen Filterbubble befinden, sollte man auch mit Erwachsenen darüber reden.
Ist es für Erwachsene denn so einfach, sich in diese Welt hinein zu versetzen?

Michels Nein, weil sie auch teilweise die Formate nicht kennen. Wir raten den Eltern allerdings immer dazu, sich dafür zu interessieren, womit sich ihre Kinder beschäftigen. Sie sollen ruhig nachfragen, womit sie sich im Netz beschäftigen. Da kann man sich das soziale Netzwerk oder den Influencer auch durchaus zeigen lassen. Die Informationen, die durch die Influencer vermittelt werden, kann man egal wie immer hinterfragen. Das Problem der Verschwörungstheorien ist nicht neu, sondern die Art wie sie hier verbreitet werden.

Ist es nicht unglaublich schwer, kritische Distanz zu einem Influencer oder
einer Internetpersönlichkeit aufzubauen, wenn man Mitglied von dessen Community ist?

Michels Das ist Teil des Problems der
Filterbubble. Deshalb auch der dritte Tipp unserer Kampagne: Wie berichten andere Medien darüber? Unsere Kampagne „#checkyourfacts: Gleef net alles um Internet“, die wir zusammen mit dem „Zentrum fir politesch Bildung“ laufen haben, zielt genau hierauf ab. Mit
dem darin entstandenen Tool Filterbubble.lu kann man sich mit einem kurzen Fragebogen selbst testen, wie tief man in einer Filterbubble steckt und wie man sich aus dieser befreien kann.

Was macht diese Fancommunitys und Persönlichkeiten so anfällig für Verschwörungstheorien?

Michels Influencer haben eine große Community und bekommen viel Druck gemacht, in einer solch außergewöhnlichen Zeit Stellung zu beziehen. Das zeigte unter anderem ein Beitrag des ZDF. Sie erhalten dann viele Quellen und Theorien und müssen sich dann bei all den Meinungen und Gegenmeinungen selbst zurecht finden. Darunter mischen sich dann auch Verschwörungstheorien. Da werden sie anfälliger für Erklärungen von Publizisten, die solche Verschwörungstheorien verbreiteten. Die Kanäle dieser Publizisten versuchen so auch ihre Reichweite zu erhöhen: Sie regen ihre Follower dazu an, die These auf den Netzwerken weiter zu teilen und zu verschicken.

Die Corona-Krise zeigt, wie schwer eine Situation zu verstehen sein kann. Jeder fühlt sich überrumpelt. Es prasseln gleichzeitig unglaublich viele Informationen auf uns ein, das 24 Stunden auf 24. Da weiß man schnell nicht mehr, was man glauben soll und was nicht. Verschwörungstheorien geben einem da eine Form von Sicherheit, da sie eine konkrete Erklärung für etwas liefern, das sich die Menschen nicht erklären können. Sie erklären auch die Grauzonen, malen diese aus.