BERLIN
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Vier Jahre nach dem Unglück in Rana Plaza trödelt die Textilbranche

Deutsche Modehersteller, Handelsketten und Hilfsorganisationen wollen gemeinsam soziale und ökologische Mindeststandards in der Textilproduktion durchsetzen. Der Start des Bündnisses war mühsam. Doch jetzt soll die Umsetzung beginnen.

Die 146 im Bündnis zusammengeschlossenen Modefirmen, Handelsketten, Verbände, Behörden und Hilfsorganisationen haben nach jahrelangen Diskussionen erste konkrete Maßnahmen benannt, die sie noch 2017 umsetzen wollen. Der Textildiscounter KiK etwa will unter anderem mit 50 Prozent seiner pakistanischen Lieferanten Trainings- und Qualifizierungsmaßnahmen zu den Themen Lohnsteigerungspotenziale und Vermeidung exzessiver Überstunden durchführen. Aldi Nord will unter anderem den Anteil nachhaltiger Baumwolle in den verkauften Textilien verdoppeln. Andere Mitglieder wollen etwa giftige Chemikalien bei der Produktion vermeiden.

Kritiker des Bündnisses werfen der deutschen Textilbranche allerdings „Schneckentempo“ vor. Schließlich liegt der wohl wichtigste Auslöser der Initiative - das verheerenden Unglück in der Textilfabrik Rana-Plaza in Bangladesch, bei dem mehr als 1.100 Menschen ihr Leben verloren - schon vier Jahre zurück.

Die Greenpeace-Textilexpertin Alexandra Perschau etwa meint: „Das geht uns alles viel zu langsam. Das muss schneller gehen.“ Besser als die freiwilligen Vereinbarungen des Textilbündnisses wäre nach ihrer Auffassung eine gesetzliche Regelung. Auch die Vorsitzende des Verbraucherausschusses im Bundestag Renate Künast (Grüne) bemängelte kürzlich in einem Interview, insgesamt seien die Selbstverpflichtungen „wenig ehrgeizig“.

Tatsächlich ist es eine unwahrscheinliche Koalition, die sich im Bündnis zusammengefunden hat. Unter den 146 Teilnehmern sind Modehersteller (zum Beispiel Adidas, Gerry Weber, Hugo Boss) und Handelsketten (C&A, Aldi, Lidl, Primark, H&M oder Kik), aber auch Hilfsorganisationen wie Care, Oxfam, Terre des hommes und der Bundesverband der Verbraucherzentralen. Auch Handelsverbände und Bundesministerien sind vertreten.

Breites, buntes Mitgliederspektrum

„Dass wir alle diese Gruppen zusammengebracht haben und gemeinsam die gesamte Breite der sozialen und ökologischen Probleme bei der Textilproduktion angehen, ist weltweit einmalig“, sagt Janssen. Vielfältig wie das Mitgliederspektrum sind auch die Probleme die angegangen werden sollen: die Sozialstandards in den Fabriken der Produktionsländer stehen ebenso auf der Liste wie Menschenrechte und Umweltschutz.

Doch die Breite in der Zusammensetzung und in der Thematik hat ihren Preis. Rund zwei Jahre brauchten die Mitglieder allein um sich auf konkrete Bündnisziele und Standards zu einigen - etwa auf eine Liste von mehr als 160 problematischen Chemikalien die schrittweise durch unbedenkliche Substanzen ersetzt werden sollen.

Für das Jahr 2017 mussten sich dann alle Mitglieder mindestens jeweils sechs Ziele in den Bereichen Chemikalien- und Umweltmanagement sowie Sozialstandards und existenzsichernde Löhne setzen. Hinzu kommen zwei Ziele in Bezug auf nachhaltige Naturfasern. In diesem Jahr ist die Veröffentlichung der selbstgesteckten Ziele und der Ergebnisse der Erfolgskontrolle zwar noch freiwillig. Doch ab 2018 sind alle Teilnehmer verpflichtet, ihre Maßnahmenpläne und deren Umsetzung jedes Jahr zu veröffentlichen. Bisher beteiligen sich allerdings erst gut 50 Prozent der Textilbranche am Bündnis. Und die Tendenz ist eher rückläufig. Deshalb warnte der Minister, er werde verbindliche Rahmenbedingungen einführen, wenn die freiwillige Selbstverpflichtung zu nichts führe.