LUXEMBURG
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Bibliothekar Jean-Marie Reding sammelt giftige Bücher

Hat es nach dem Zweiten Weltkrieg in Luxemburg irgendwelche Buchskandale gegeben, beziehungsweise Bücher, die veröffentlicht worden sind und dann ohne Umwege in den Giftschränken der Bibliotheken landeten? Nicht dass er wüsste, erklärt Jean-Marie Reding und fügt hinzu, dass er sich lediglich an eine parlamentarische Anfrage der Abgeordneten Martine Mergen an die ehemalige Ministerin Mady Delvaux-Stehres erinnere. In dem Dokument echauffierte sich Mergen darüber, dass der „Frupps“-Band die Kinder zum maßlosen Essen anstacheln würde. Der diplomierte Bibliothekar und Präsident der „Associatioun vun de Lëtzebuerger Bibliothekären, Archivisten an Dokumentalisten Asbl (ALBAD)“ kann ohne lange zu überlegen eine Hand voll ausländischer Publikationen aufzählen, die in ihren jeweiligen Erscheinungsländern für Aufregung gesorgt haben und die sich auch in Buchsammler Redings persönlichem Giftschrank wieder finden. Die allermeisten Publikationen kann der Kunde heute problemlos über den Buchhändler seines Vertrauens oder online beziehen. „The Anarchist Cookbook” etwa, das Reding in Michael Moors „Bowling for Columbine”-Film entdeckte und in dem der Leser sehr konkrete Anleitungen zum Töten von Menschen bekommt oder aber „Home Workshop Explosives”. Bücher für junge oder ältere Leser, in denen die sexuelle Aufklärung oder aber Homosexualität ein Thema sind, sorgen in einigen Ländern heute noch für Skandale: In Singapur wurden vor kurzem in den öffentlichen Bibliotheken alle Bücher mit homosexuellen Inhalten zensiert, in Frankreich fand vor einigen Jahren ein UMP-Politiker die Illustrationen des Kinderbuchs „Tous à poil” anstößig.

Kein Propagandamaterial von Sekten

Im vergangenen Jahr machte eine US-Amerikanerin aus Florida dann ihrem Unmut über das Aufklärungsbuch „Mummy laid an egg“ Luft; sie war darüber skandalisiert, dass sie als Leserin in einer öffentlichen Bibliothek ein solches Buch ausleihen konnte. 20 Jahre lang hatte sich jedoch niemand in dieser Kleinstadtbibliothek an dem Buch gestört, das bereits zu Beginn der Neunziger erschienen war. Reding unterstreicht, dass es auch Fachbücher gebe, die nicht im Handel erhältlich seien: Lehrbücher für zukünftige Sprengmeister zum Beispiel.

In luxemburgischen Bibliotheken sind Werke mit pornografischem Inhalt seit den 1930ern verboten. Klassiker wie das Kamasutra oder die erotische Literatur eines Marquis de Sade kann man aber ausleihen. Die meisten Bibliotheken in Luxemburg schaffen aber von vorherein keine Bücher an, die riskieren, in den Giftschrank zu wandern, wie zum Beispiel Propagandamaterial von Sekten oder aber Bildbände aus auf erotisch-pornografische Kunstfotografie spezialisierten Verlagen.