STRASSENCORDELIA CHATON

Der Psychologe und Psychotherapeut Khashayar Pazooki erklärt, was im Gehirn passiert, wenn Menschen ein Trauma erleiden

Grauenvolle Bilder, die nachts immer wieder kommen oder einem an einem sonnigen Nachmittag Schauer über den Rücken treiben: Traumata haben eine starke Wirkung. Was bringt uns so aus der Ruhe - und wie finden wir wieder dahin zurück? Khashayar Pazooki erklärt, warum Schuldgefühle Unschuldige peinigen und wie schlimme Erfahrungen den Kopf durcheinander bringen.

Herr Pazooki, Sie sind Psychologe und Psychotherapeut und auf Traumata spezialisiert. Was passiert bei einem Trauma im Kopf?

Khashayar Pazooki Das ist komplex. Während des Traumas gibt es Informationen, die durch Sensoren wie Augen und Nase aufgenommen und dann an den Hippocampus - einem Teil des Gehirns, nämlich im mesolymbischen System - weitergegeben werden. Aufgrund des Schockmoments werden diese Informationen ungeordnet archiviert. Aber während der Mensch normalerweise seine Erinnerungen wie in einer Bibliothek fein säuberlich geordnet ablegt, geht hier alles durcheinander. Das traumatisierte Gehirn arbeitet fragmentiert. Danach besteht kein Zugriff mehr auf die Erinnerungen in einer geordneten und vollständigen Form. Deshalb können Opfer auch die Schuldfrage nicht adaptiv verarbeiten. Daher rühren Schuldgefühle, beispielsweise bei Missbrauchsopfern. Im Gehirn bildet sich eine kognitiv negative Schleife mit anschließend starker Hormonproduktion. In der Nebenrinde wird dann ein Stresshormon ausgeschüttet. Diese Hormone können bis hin zur Gehirnschädigung führen.

Was ist die Folge?

Pazooki Der Mensch ist durcheinander und hat Flashbacks, also schnell aufkommende Bilder der Geschehnisse. Aber er kann sie nicht mehr adäquat analysieren. Diese Flashbacks sind eines der Hauptsymptome einer Traumatisierung. Sie können zu jedem Zeitpunkt auftauchen; auch wenn Sie gerade auf der Terrasse in der Sonne sitzen und einen Milchkaffee trinken. Über diese Flashbacks gibt es keine Kontrolle. Dazu kommen Alpträume. Einige Patienten haben auch plötzliche Hyperneigungen oder Depressionen. Sie zittern am ganzen Körper, haben Bauchschmerzen, Schweißausbrüche und Druck auf der Brust. Eine Traumatisierung ist die Reaktion auf eine schlimme Erfahrung wie Vergewaltigung, Folter oder Missbrauch. Manche verdrängen diese Inhalte, bis zur Dissoziation, bis sie bewusst nicht mehr stören. Aber durch die Flashbacks kommen sie immer wieder zurück. Wenn sie sechs Wochen nach dem Ereignis, das das Trauma ausgelöst hat, noch da sind, spricht man von posttraumatischen Belastungsstörungen.

Wer ist betroffen und was löst Traumata aus?

Pazooki Wir behandeln hier beispielsweise Folteropfer aus dem Nahen Osten, Vergewaltigungs- und Missbrauchsopfer. Unsere Patienten sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Manche haben die Naturkatastrophe in Thailand miterlebt, manche hatten hier in Luxemburg einen schweren Arbeitsunfall.

Sind Traumata behandelbar?

Pazooki Ja, absolut, aber es gibt keine hundertprozentige Garantie, wie sonst auch. Es dauert allerdings zwischen drei Monaten und zwei Jahren, je nach Schwere des Traumas. Die Behandlung findet ein- bis zweimal die Woche statt. In Luxemburg müssen Patienten das selbst zahlen. Wir hoffen, dass die Krankenkassen das eines Tages zurück erstatten. Denn wir sind alle überlastet und haben sehr viele Patienten. Oft können wir nur die schlimmsten Fälle schnellst möglich annehmen, weniger schlimme Fälle haben längere Wartezeiten.

Wie wird ein Trauma behandelt?

Pazooki Es gibt die kognitive Verhaltenstherapie, Brainspotting, EMDR - also das Eye Movement Desensitization and Reprocessing - und viele andere Methoden. Es geht darum, Abstand zu gewinnen und Schuld- und Schamgefühle zu verarbeiten. Wir arbeiten intensiv an den Symptomen, damit unsere Patienten wieder einen ruhigen Alltag haben.

An Ihrer Praxis steht Trauma-Institut. Bilden Sie auch weiter?

Pazooki Ja, wir bilden Kolleginnen und Kollegen aus, haben ein Netzwerk, das wir immer weiter spannen, so dass wir im ganzen Land Spezialisten haben und nicht mehr jemand aus Wiltz nach Strassen fahren muss. Im Jahr 2012 gab es sechs Monate Wartezeit in der Stadt. Ich hatte Patienten aus Troisvierges, die eineinhalb Stunden hierher gefahren sind. Es werden nicht weniger Patienten, sondern immer mehr. Gleichzeitig bedauern wir, dass in Luxemburg Psychotherapie nicht anerkannt ist und es keine Kassenabrechnung gibt. Wir hoffen, dass das Psychotherapeutengesetz möglichst schnell hierbei Abhilfe schafft.

Warum steigt die Zahl der Patienten, obwohl es hier keinen Krieg oder Katastrophen gibt?

Pazooki Das liegt einmal an den Umweltfaktoren wie Naturkatastrophen, anderenfalls an vom Mensch verursachten Ereignissen wie Flugzeugabsturz, Krieg oder ähnliches. In unserer Gesellschaft gibt es auch viele Missbrauchsfälle. Die sozialen Netzwerke und das Internet vermitteln oft einen sehr falschen Eindruck von Sexualität, der wirklichkeitsfremd ist. Wenn erwachsene Männer Kinder kontaktieren und Kriminelle Prostitution erzwingen, bleiben Traumata nicht aus. Davor ist kein Land der Welt geschützt. Hinzu kommt die durch den Klimawandel steigende Zahl an Naturkatastrophen. Konflikte in anderen Ländern haben auch Auswirkungen auf uns, weil diese Menschen oft ihr Trauma mitbringen. Ich rechne damit, dass in einem Land wie Syrien oder dem Iran, aufgrund der dogmatisch-stigmatischen Situation, 99 Prozent der Bevölkerung traumatisiert sind. Nicht zu vergessen sind die Komorbiditäten der Traumata wie schwere Depressionen oder Suchtkrankheiten.

Was hat Sie selbst zu diesem Beruf bewogen?

Pazooki Ich habe mich während meines Studiums in Deutschland für das Gehirn interessiert und so bin ich in Richtung klinische- und Neuropsychologie gegangen. Sicher spielen persönliche Erfahrungen auch eine Rolle. Ich selbst musste als Kleinkind aus meiner Heimat fliehen.