LUXEMBURG
DANIEL OLY

Die AFPL kämpft für Schizophrenie-kranke Menschen und ihre Familien

Im Rahmen des dritten Tages der Schizophrenie in Luxemburg hat die vor drei Jahren gegründete AFPL, die „Association des familles ayant un proche atteint de Psychose au Luxembourg“, diese Woche gleich mehrere Konferenzen mit führenden Psychologen und Psychiatern organisiert, unter anderem im Krankenhaus auf dem Kirchberg und im CHNP in Ettelbrück. Für die Organisatoren der AFPL ist die Absicht klar: Sie wollen für mehr Aufklärung über die psychische Erkrankung der Schizophrenie und Psychose sorgen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leidet ein Prozent der Weltbevölkerung unter dieser Krankheit. In Luxemburg wären damit knapp 6.000 Menschen betroffen, wenn man das direkte Familienumfeld mitzählt, das sich meist um die Erkrankten kümmert, sind es sogar 20.000. Einem Bericht des Gesundheitsministeriums zufolge leiden fast 56 Prozent der Obdachlosen in Luxemburg ebenfalls an der Krankheit.

Stress als wichtiger Auslösefaktor

Die Schizophrenie werde leider immer noch oft falsch verstanden, bedauert Isabelle R. (Name von der Redaktion geändert), deren Sohn - und damit auch sie und das familiäre Umfeld - unter der Erkrankung leidet. „Die Gesellschaft hat insgesamt noch immer ein falsches Bild davon“, meint sie. „Sie kennt das Wort meist aus Berichten, in denen die Erkrankten gewalttätig und gefährlich wurden, und meint, alle Erkrankten seien so.“ Dass das nur sehr begrenzt der Fall ist, und die Betroffenen vor allem eine Gefahr für sich selbst darstellen, gehe dabei meist leider unter.

Unklar sei den meisten Menschen zudem auch, dass die Erkrankung in immerhin 20 Prozent der Fälle eine genetische Komponente vorzuweisen hat. „Das heißt, dass es sogar vererbbar ist“, betont R.. In 80 Prozent der Fälle gebe es aber vor allem Ursachen im Umfeld der Betroffenen - „allen voran Stress, was ja in unserer heutigen Gesellschaft immer stärker zunimmt.“ Den Betroffenen fehle so einfach der Filter, um in einer Stresssituation oder unter Druck auf ein bestimmtes Ziel konzentriert hin zu arbeiten. Diese niedrige Stresstoleranz bringe die Erkrankten dann sehr schnell ans Limit des Machbaren. „Dementsprechend werden sie oft sehr früh auffällig“, weiß sie. Bei ihrem Sohn fiel das bereits im Kindergarten auf. „Richtig unmöglich war es dann ab dem dritten Grundschuljahr“, meint sie. Der Druck wurde zu hoch.

Besorgt wandten sich die Eltern an Fachärzte. „Natürlich gab es sofort die damalige Mode-Diagnose - ADS“, weiß R. zu erzählen. Ihr Sohn erhielt daraufhin Ritalin zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit. „Wir wussten nicht, dass sich damals bereits eine schleichende Psychose entwickelte.“ Modernen Studien zufolge könnte das Medikament sogar einen negativen Effekt gehabt und die Entwicklung der Krankheit weiter begünstigt haben. Nachweisbar ist das natürlich nie, und auch R. weiß: „Jede Krankheit, jeder Fall ist individuell und anders.“

Insgesamt sei es deshalb einfach, sich im Stich gelassen zu fühlen - schließlich fehlt es praktisch an allem. „Wir haben keine echte Infrastruktur zur Versorgung, keine echte Hilfestellung; Psychiater scheuen die Diagnose bei jungen Menschen, wodurch es dann auch keine Hilfen gibt“, meint sie. Familien müssen sich so ganz auf sich allein gestellt die nötigen Informationen erarbeiten. „Unser gesamtes Angebot hierzulande ist sehr fragmentiert, das muss besser werden“, betont R.. Zu diesem Zweck hat sie sich auch der AFPL angeschlossen - einer Organisation, die inzwischen knapp 100 Mitglieder zählen kann. Immerhin zeigt das Interesse an den Konferenzen, bei denen im Schnitt rund 50 Menschen teilnehmen und sich informieren, dass ein schleichender Wandel passiert. „Die Menschen trauen sich ein wenig mehr, darüber zu sprechen“, meint sie. „Das treibt uns an.“

Es zeige sich aber auch: „Die Familien wissen weder ein noch aus.“ Mütter leiden für ihre Kinder, Familien leiden unter der Erkrankung ebenso stark wie der Betroffene selbst. Damit sich das in Zukunft ändert und Familien nicht das Gefühl haben, allein gelassen zu werden, will sich R. gemeinsam mit der AFPL weiter stark machen. Zu diesem Zweck habe man auch bereits alle großen Parteien unterrichtet, um die wichtigsten Punkte anzusprechen: „Wir müssen das Tabu ,Schizophrenie‘ brechen, wir müssen die Medikamente zugänglicher machen und endlich die nötigen Infrastrukturen zur Betreuung bieten“, betont sie. Auch die Früherkennung müsse besser werden, etwa indem die zuständigen psychologischen Beratungszentren in den Schulen besser auf die Erkennung der Erkrankung vorbereitet werden. „Solange sich das nicht ändert, werden wir weiter ein Entwicklungsland in Sachen Schizophrenie sein“, meint sie abschließend.