COLETTE MART

„Schmerzenskinder“ ist der Titel eines Buches von Waris Dirie, das 2005 erschien und das Ausmaß der weiblichen Genitalverstümmelung in Europa untersucht. Die ehemalige UN-Sonderbotschafterin gegen das grausame Ritual spricht von etwa 500.000 Betroffenen auf unserem Kontinent. Dies bedeutet, dass eine der schlimmsten und weit verbreiteten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit nicht nur im fernen Afrika oder Orient, sondern vor unserer Haustür passiert. In zahlreichen europäischen Städten werden kleine Mädchen in Badezimmern oder Hinterhöfen verstümmelt, oder aber der Eingriff geschieht während eines Aufenthalts im Heimatland.

Am heutigen internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung kann festgestellt werden, dass Luxemburg mobilisiert. Der nationale Frauenrat hat bereits vor einiger Zeit eine Broschüre zu diesem Thema ausgearbeitet, die Stiftung Raoul Follereau, die voriges Jahr Waris Dirie eingeladen hatte, organisiert ein Rundtischgespräch, die Stadt Luxemburg vergibt im Jahr 2013 372.000 Euro für Projekte gegen Genitalverstümmelung und für die Opfer sexueller Gewalt. Außerdem will auch der nationale Frauenrat am Freitag in der „Maison de l’Europe“ über die Mittel diskutieren, die sich Europa geben kann, um effizient diese grausame Menschenrechtsverletzung zu unterbinden. Als erstmals 1977 die Vereinigung „Terre des Hommes“ bei einer Pressekonferenz in Genf versuchte, die Weltöffentlichkeit für „das best gehütetste Geheimnis der Welt“ zu sensibilisieren, (dies nachdem in Afrika die Kolonialherren zumindest versucht hatten, gegen das grausame Ritual anzukämpfen), hielt sich das Interesse der Öffentlichkeit in Grenzen. Lediglich einige Journalistinnen und Frauenrechtlerinnen schnitten das Thema an und einige reisten nach Afrika, um mit den Frauen zu sprechen. Benoîte Groult, Fran Hosken und Hanny Lightfoot-Klein leisteten hier Pionierarbeit.

In Luxemburg bemühte sich bereits in den siebziger Jahren Nelly Moia, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren.Der Funke brauchte jedoch Jahrzehnte, bis er übersprang, und es mussten betroffen Frauen wie Waris Dirie und Fadumo Korn nach Luxemburg kommen, es mussten sich Frauen- und Drittweltorganisation einsetzen, um das Tabu endlich zu brechen.

Das Thema ist komplex, der Blick der emanzipierten Frauen aus dem Westen überschneidet sich nicht immer mit jenem der Afrikanerinnen, die das grausame Ritual von Generation zu Generation weitergeben, um ihren Töchtern eine Ehe in Gesellschaften zu sichern, in denen Mädchen kaum Möglichkeiten haben, sich selbst ihr Leben zu verdienen. Auch unterstreichen Psychologen, dass das von den Afrikanerinnen erlittene psychologische Trauma dazu führen kann, dass die Empathie für die eigene Tochter oder andere kleine Mädchen aussetzen kann, nur weil die eigene Erinnerung an die Beschneidung nicht verarbeitet ist. Luxemburg hat diese Woche Gelegenheit, mit den Frauen- und Entwicklungshilfeorganisationen nachzudenken. Und sich die gesetzlichen und sozialen Mittel zu geben, der Praxis in unserem Land keine Chance zu geben.