PATRICK WELTER

Vladimir Putin ist der neue Chuck Norris . Der Held aller postsowjetischen Menschen, der nicht nur Angeln, Tauchen, Reiten, Feuer löschen, Eishockey spielen und Skilaufen kann, hat die olympischen Winterspiele im Alleingang ins sonnige Sotschi geholt.

Wer Bilder aus Sotschi sieht, kann sich nur wundern über dieses Konglomerat aus subtropischer Küstenstadt und einem halben Dutzend Eisstadien, deren Bau das Bruttosozialprodukt gleich mehrerer afrikanischer Staaten verschlungen hat. Obgleich das Panorama des Kaukasus stark an die Alpen erinnert, sollte man bedenken, dass diese Berge einige Breitengrade weiter südlich liegen. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. So wurde in den letzten Wintern der Schnee gesammelt und klimatisiert zwischengelagert, um die kommenden Winterspiele in jedem Fall nach Winter aussehen zu lassen.

Bergidylle machte noch bis vor kurzem die Umgebung von Krasnaja Poljana aus, dem faktischen Austragungsort der Winterspiele. Das Bergdorf, dessen relative Bekanntheit bisher darauf beruhte, dass die Rote Armee dort den Vormarsch deutscher Gebirgsjäger stoppen konnte, wurde mit viel Beton zum exklusiven Wintersportort hochgerüstet - im besten Sowjetstil, sowohl architektonisch als auch ordnungspolitisch, d.h. ohne Rücksicht auf die Einheimischen. Eine gut gemachte Dokumentation der ARD zeigte wie: Wer störte, wurde entweder vertrieben oder im Wortsinn eingemauert. Neue Hotels und Bars sind für Einheimische zu teuer oder nicht zugänglich. Die Kinderfrage „Wieso, Weshalb, Warum?“ die Winterspiele ausgerechnet in Sotschi gelandet sind ist müßig. Der Ural war Vladimir P. nicht fein genug.

Auch die Frage nach einem Boykott ist ausdebattiert. Die Sportler sollen ihren Spaß haben, aber nicht jeder politische Repräsentant muss unbedingt Vladimir die Hand schütteln. Dennoch sollten wir auf dem Teppich bleiben. Putin mag bestenfalls ein lupenreiner Semi-Demokrat sein. Wer heute über (existierende) Menschenrechtsverletzungen jammert, sollte nicht vergessen, dass das Putin-Reich um einiges weniger blutrünstig ist als die „friedliebende“ Sowjetunion. Sotschi 2014 mit Garmisch 1936 zu vergleichen ist völlig daneben. Beton, neureicher Geldadel, Mafia und Vladimir P. mögen ein wenig appetitliches Gemenge schaffen - die geschminkte Fratze des Terrors in brauner Uniform war ganz etwas anderes.

Die eigentliche Frage lautet: Sind sportliche Großereignisse wie die olympischen Spiele, die sich im Gegensatz etwa zu Fußballweltmeisterschaften, an einem Ort konzentrieren, nur noch in autoritären Staaten oder solchen, die keine Bürgerbeteiligung kennen, möglich? Die zweite Bewerbung Münchens um die olympischen Winterspiele ist vor wenigen Monaten aufgrund eines Bürgerentscheids in der bayerischen Hauptstadt und den drei Austragungsorten gescheitert. Sowohl Münchner als auch Kleinstädter wollten kein Mega-Ereignis dieser Größe vor der Haustür haben.

Ganz anders als Vladimir P., der sich für 1,5 Billionen Rubel (aktuell 32 Milliarden Euro) ein Denkmal in die Kaukasusflanke betonieren ließ.