LUXEMBURG
LIZ MIKOS

„Hirndoping“: Das Problem fängt nicht erst beim Konsum an

René Meneghetti ist diplomierter Psychologe und Direktionsbeauftragter von „Impuls“. Wie er das Phänomen des „Hirndopings“ wahrnimmt und wie man jungen Menschen, die unter Leistungsdruck stehen helfen kann, verrät er im Interview.

Was macht „Impuls“, um junge Menschen von Aufputschmitteln abzubringen?

René Meneghetti Wir führen erst ein Interview, wo wir schauen warum Leute eigentlich zu uns kommen und welche Substanzen sie konsumieren. Von den 600 Leuten, die wir hier betreuen, nehmen ungefähr 8 Prozent Ritalin und um 10 Prozent Kokain und Speed. Dann geht es um die Funktion des Konsums: Die meisten wollen länger fit sein oder länger feiern. Wir merken aber auch, dass besonders in der Abitur- oder in Prüfungsphasen auf solche Substanzen zurückgegriffen wird, um mehr Leistung zu bringen. Wir führen dann Therapiegespräche mit den Betroffenen, schauen nach Alternativen, oder versuchen ihnen in punkto Organisation unter die Arme zu greifen. Oft ist es nämlich auch ein Problem der Organisation und der Struktur.

Ist der Trend in den letzten Jahren gestiegen?

Meneghetti Ja, unsere Zahlen zeigen, dass der Trend in den letzten drei Jahren stetig gestiegen ist. Manchmal sind das tatsächlich Trenderscheinungen, bei denen wir auch beobachten, dass ein Mittel während einer bestimmten Phase beliebter ist und vielleicht unter den jungen Leuten auch mehr besprochen wird. Auf der anderen Seite ist aber natürlich auch der Markt da, der die Substanzen anbietet. Diese Leute setzen sich damit auseinander, sehen, was gerade besonders gut ankommt und bieten das dann auch an.

Sehen Sie den Leistungsdruck als einen der Hauptfaktoren?

Meneghetti Da stellt sich die Frage: Was ist überhaupt Leistungsdruck und wie entsteht er? Ist er positiv oder negativ? Da sind wir im Grunde bei den Stoikern. Es sind nicht die Dinge an sich, die uns beunruhigen, sondern das, was wir darüber denken. Wenn man in einer negativen Gedankenspirale feststeckt, entsteht natürlich auch emotionaler Stress. Dadurch wiederum entstehen Blockaden. Der Konsum verschiedener Substanzen ermöglicht, dass man wieder fokussierter und wacher wird. Es ist nachgewiesen, dass diese Substanzen die Gedächtnisleistung und die Wahrnehmung steigern. Der Trend ist aber auch gesellschaftlich. Der wird nicht nur von Schülern, die konsumieren kreiert, sondern vom gesamten sozialen Umfeld. Da spielen auch die Schule an sich und Lehrer mit. Hier werden junge Menschen oft unter Druck gesetzt, werden zum Beispiel vor dem gewarnt, was ihnen noch bevor steht. Es entsteht eine Mischung aus Druck und Angst, statt, dass man die Botschaft positiv verpackt.

Das heißt, das eigentliche Problem liegt bei der Denkweise und persönlichen Einstellung zu Herausforderungen?

Meneghetti Absolut. Leistung an sich ist ja nichts Negatives. Wenn allerdings Prüfungsphasen, oder bedeutende Lebensabschnitte vom Umfeld mit negativen Aussagen behaftet werden, dann verunsichert das junge Menschen. Sie wollen natürlich ihr Bestes geben, erfahren vielleicht von anderen, dass Substanzen ihnen geholfen haben, um den Ansprüchen gerecht zu werden. Was wiederum zum Konsum führt. Doch der Konsum an sich ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Die Ursachen, warum konsumiert wird, sind individuell unterschiedlich, aber dennoch spielen immer ungefähr dieselben Faktoren mit, wovon einer eben diese negativen Aussagen aus der Erwachsenen- und Medienwelt sind. Überall wird von Krisen gesprochen und Zukunftsaussichten werden eher weniger rosig dargestellt: das verunsichert und es macht Angst. Positive Botschaften würden schon helfen, um Menschen einen Teil dieses Drucks abzunehmen und die negative Einstellung zu mindern.

Wann sollte man sich Hilfe holen?

Meneghetti Am besten ist es selbstverständlich, wenn man sich Hilfe holt, bevor man an seine Grenzen stößt. Leider warten die Leute oft, bis sie die Last schon fast nicht mehr tragen können. Sich Hilfe zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, Dummheit oder Inkompetenz – man gewinnt eigentlich nur Zeit und Lebensqualität und schafft es auch noch auf die optimale Leistungsqualität zurück ohne irgendwelche Substanzen zu sich zu nehmen. Substanzen aktivieren ja nur, was schon in einem ist – die Kompetenzen sind nur durch Ängste blockiert.

Beim Gesundheitsministerium nachgefragt

Mehr Prävention!

Das luxemburgische Gesundheitsministerium ist mit dem Problem und Phänomen des „Hirndopings“ vertraut und warnt vor den erheblichen Nebenwirkungen und Risiken, die die Einnahme von psychostimulierenden Medikamenten mit sich bringt. Dass es eine breite Palette an solch leistungssteigernden Substanzen gibt, die sowohl im freien Verkauf oder durch ärztliche Verschreibung erhältlich sind, als auch illegal erworben werden können, erschwert die Bekämpfung des Problems.
Um dieses Phänomen zu bekämpfen, gilt es Präventionskampagnen zu verstärken. Dass Handlungsbedarf besteht zeigen globale Studien. Verschiedene Studien zeigen, dass psychostimulierende Substanzen je nach Studiengang von zwischen 1,3 und 33 Prozent der Studierenden eingenommen werden.  Besonders Studenten, die einen längeren und schwierigeren Bildungsweg einschlagen, greifen laut aktueller Forschung häufiger zu Aufputschmitteln. „Das ändert sich nach Ländern und Studiengängen, die längeren und schwierigeren Studien sind am meisten betroffen“ bestätigt das Gesundheitsministerium. Im Jahr 2016 enthüllte beispielsweise die „Université de Paris-Est“, dass 30 Prozent, also rund ein Drittel der Medizinstudenten, zugaben, schon einmal auf Psychostimulatoren zurückgegriffen zu haben. Selbst Schüler greifen mittlerweile zu Stimulanzien, besagt eine der rezentesten Studien aus dem Jahr 2015, die im Rahmen von ESPAD in Frankreich durchgeführt wurde: 16 Prozent der befragten Schüler gaben an, innerhalb der letzten 12 Monaten mindestens einmal Aufputschmittel zu sich genommen zu haben. LM