LUXEMBURG
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Vor einem Jahr raste ein Tornado durch Petingen und Käerjeng und verursachte erheblichen Schaden

Freitag, der 9. August 2019 am Nachmittag. Das Land ist ruhig, es ist Urlaubszeit und viele Daheimgebliebenen bereiten sich gemütlich auf ihr Wochenende vor. Es ist schwül im Süden des Landes, aber nicht zu sehr. In Petingen und Käerjeng sieht man, dass sich ein Gewitter zusammenbraut über dem nahen Frankreich. Niemand war aber auf die Katastrophe gefasst, die aus dieser Richtung kommen sollte: zwischen 17.35 und 17.45 fegt ein Tornado mit bis zu 240 Stundenkilometern über die Ortschaften Rodange, Lamadelaine, Petingen und Käerjeng hinweg.
Auf seiner zerstörerischen Bahn über nicht weniger als 20 Kilometer deckt der Wirbelsturm ganze Dächer ab, zerschmettert Fenster, knickt Bäume und sogar Strommasten um, reißt Fassaden zu Boden und zerreißt alles, was nicht niet- und nagelfest ist. 19 Personen werden verletzt. Manche Familien müssen in Notunterkünften untergebracht werden, da ihr Haus oder ihre Wohnung erhebliche Reparaturen braucht, damit sie sich wieder darin aufhalten können. Ungläubig schaut ganz Luxemburg sich die Videos des Tornados an, die bald nach den nie zuvor im Großherzogtum beobachteten Ereignissen auf den sozialen Medien landen. Das Land steht erst unter Schock. Danach bricht eine unvergleichliche Welle der Solidarität über die geschundenen Gemeinden herein. Hilfskräfte - Profis und einfache Bürger - kommen aus allen Ecken des Landes, um bei den Aufräumarbeiten mit anzupacken.  Es gibt mehrere Aktionen, um Spenden für die Opfer zu sammeln.
Auch ein Jahr danach sind mancherorts noch die Schäden zu sehen, die der Wirbelsturm verursachte. So laufen nach Auskunft des Petinger Bürgermeisters Pierre Mellina noch an 24 der 30 am stärksten beschädigten Häuser Renovierungsarbeiten, die durch die Covid-19-Krise etwas ins Hintertreffen geraten sind. Manche Familien hätten aufgrund der Schwere der Schäden beschlossen, ein neues Bauprojekt auf ihrem Grundstück zu entwickeln. Auch in Käerjeng wird noch an einigen vom Sturm beschädigten Fassaden gewerkelt.
Dem Verband der Versicherungsgesellschaften ACA zufolge gingen bei den Assekuranzen rund 4.000 Schadensmeldungen ein, 80 Prozent davon betreffen Schäden an Häusern und 20 Prozent Schäden an Fahrzeugen. Von letzteren Dossiers seien rund 90 Prozent abgeschlossen, bei den Wohnungssschäden 70 Prozent. Die Gesamtsumme der von Versicherungen ausgezahlten Entschädigungen belaufe sich auf nahezu 67 Millionen Euro.
Sofort hatten die kommunalen und staatlichen Stellen  Hilfe für die betroffenen Familien angeboten. Das Familienministerium wurde so mit 99 Anträgen auf Unterstützung befasst. Nach Auskunft des Ministeriums wurden bislang 30 Anträge bewilligt - für eine Gesamtsumme von 338.074 Euro. 37 wurden abgelehnt, vor allem weil eine Versicherung für die Schäden aufkam oder weil die gemeldeten Schäden den Förderbestimmungen nicht entsprechen. 30 Anträge sind noch in Arbeit, vor allem weil noch definitive Kostenübernahmebescheide der Versicherungen ausstehen.

Über eine Million Euro an Spenden

Durch die Solidaritätsappelle der beiden betroffenen Gemeinden waren zudem fast 1.030.000 Euro zusammen gekommen, die für Schäden verteilt werden, die nicht von Versicherungen oder Behörden abgedeckt werden. Laut Bern Birsens, dem Beauftragten für Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde Käerjeng, lagen in diesem Rahmen 166 Anträge vor. In einer ersten Phase seien Mitte Juni so 414.000 an die zurück behaltenen Antragsteller geflossen, rezent nochmal 233.000 Euro und eine dritte Ausschüttung über 338.000 Euro sei für den September vorgesehen. Der Rest bleibe in Reserve, denn einige Dossiers und manche Arbeiten sind noch nicht vollständig abgeschlossen. Werden die Gemeinden dem Jahrestag der Katastrophe gedenken? Aus Petingen heißt es, es sei in diesem Jahr nichts vorgesehen, denn die Pandemie erschwere nun mal die Organisation von Events. Dem Kampf gegen Covid-19 habe man denn auch Priorität eingeräumt und in den vergangenen Monaten wenig Zeit gehabt, eine Zeremonie zum Jahrestag des Tornados zu organisieren. Man werde das aber bei der nächsten Gelegenheit nachholen. In Käerjeng will man indes im November bei einer Baumpflanzung an die Katastrophe erinnern. Der Gemeinderat hatte bereits im vergangenen September beschlossen, eine neue Straße im Ort „Op Acker“, wo der Tornado besonders wütete, „Rue du 9 Août 2019“ zu nennen.