LUXEMBURG
HELMUT WYRWICH

Coronavirus stürzt Europas Automarkt in eine tiefe Krise

Seit drei Jahren stagniert der europäische Automobilmarkt um 14,2 bis 14,3 Millionen Neuzulassungen. Im laufenden Jahr 2020 wird der Coronavirus „Eine Schneise der Verwüstung“ anrichten, schreibt „Automobilpapst“ Ferdinand Dudenhöffer in seiner jüngsten Studie, die der Redaktion vorliegt. Er geht davon aus, dass allein in diesem Jahr in Westeuropa 1,5 Millionen Autos weniger verkauft werden. In der Europäischen Union mit der Schweiz, Norwegen, Island erwarben sich im vergangenen Jahr Audi, BMW mit Mini, Mercedes mit Smart und VW einen Marktanteil von 35 Prozent an der Welt-Automobilproduktion „Europa ist das Kernland der deutschen Hersteller“, schreibt Dudenhöffer.

Dieses Kernland ist seit Beginn des Jahres zu einer Horror-Region für die Automobilhersteller geworden. Auf den großen Märkten Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, ist das öffentliche Leben lahm gelegt. Automobil-Konzessionen und Zulassungsstellen sind geschlossen. Die Produktion ist stillgelegt. Und zu allem Überfluss sitzen Händler und Produzenten noch auf unverkauften Modellen des Jahrgangs 2019.

Zulassungen brechen um mehr als ein Viertel ein

In den ersten drei Monaten des Jahres 2020 stürzten die Zulassungen in der Europäischen Union (ohne Großbritannien) um 25,6 Prozent ab. „Blutig“ entwickelte sich der März. Die Zulassungszahlen brachen um 55 Prozent ein. Italien verlor seinen Markt mit minus 85 Prozent fast völlig. In Frankreich reduzierte sich die Nachfrage um 72 Prozent, in Spanien um 69 Prozent. Deutschland kam mit einem Nachfrage-Verlust von 37 Prozent noch günstig davon.

Dudenhöffer geht davon aus, dass im Rahmen einer zyklischen Entwicklung im laufenden Jahr ein „normaler“ Einbruch von 580.000 Zulassungen erfolgt wäre. Die Auswirkungen der Viruskrise beziffert er auf eine Million zusätzlich. Für die deutschen Autokonzerne wird die Situation kritisch. Die Automobilindustrie ist in der mechanischen Fertigung neben der Werkzeug- und der Chemie-Industrie eine Schlüsselindustrie der deutschen Wirtschaft, weil sie über Zulieferer und deren Zulieferer tief in die Industrie hineingeht. Deutsche Automobilhersteller bestimmten 2019 auch den luxemburgischen Markt. VW ist Marktführer mit 6.643 Wagen, gefolgt von Mercedes (5.043) und BMW (4.856). Die Automobilhersteller hatten bereits im März den Kontakt zu deutschen Kanzlerin Angela Merkel gesucht. Ihre Sorge galt vor allem ihren Zulieferern, die schnell in Schwierigkeiten geraten würden.

Hoffnung auf China

Die deutschen Produzenten bereiten sich auf einen Neustart der Produktion vor. Die Verkaufsräume sind in Deutschland seit Montag wieder geöffnet. Da die Zulassungsstellen aber fast überall in Europa geschlossen sind, geht Volkswagen davon aus, dass sich erst im Mai die Zahlen wieder verbessern werden. Der Konzern hofft auf das Geschäft in China, wo er 103.000 Menschen beschäftigt. Hier sind durch die Corona Krise etwa 330.000 Autos nicht produziert worden. In einem vollständigen Produktionsjahr laufen dort vier Millionen VW Autos von den Konzernbändern. Nach VW Angaben gab es in den 33 Werken nicht einen Virus Fall. Schutzkleidung gehörten dort zum Standard. Das chinesische Modell soll auf Europa übertragen werden.

Volkswagen produziert 500.000 Masken pro Woche für die Mitarbeiter in einem eigenen Werk in China selbst. In Braunschweig wird dieselbe Anzahl noch einmal produziert. Beim Produktionsanlauf sollen gefährdete Mitarbeiter zunächst zu Hause bleiben, sagte Markenchef Ralf Brandstätter in einem Gespräch mit der deutschen Wirtschaftszeitung Handelsblatt.

Dudenhöffer, der sein Institut von der Universität Duisburg/Essen in die Schweiz an die Universität St. Gallen verlegt hat, betrachtet in seiner Studie statistisch zwar die europäische Automobilindustrie, geht in Wirklichkeit aber nur auf die deutschen Konzerne ein.

Will er seinem neuen Standort gerecht werden, müssen sich zukünftige Studien wohl über die deutschen Hersteller auf weitere europäische und auch auf die Import-Situation in Europa ausdehnen.