Wer jetzt so tut, als wäre das Attentat vom vergangenen Mittwoch mitten in Paris ein unerwarteter Schlag gegen die Demokratie und ihre Einrichtungen gewesen, der kann eigentlich nur aus einem sehr langen Winterschlaf urplötzlich aufgewacht sein. Wir haben die Erinnerung an den 11. September 2001 in New York noch bildhaft vor Augen, wir sehen, leider fast tagtäglich, wie in Syrien und im Irak Geiseln vor laufenden Kameras mit Messer oder Schwert regelrecht abgeschlachtet werden.
Der von religiösem und politischem Extremismus beflügelte Terrorismus hat eine neue Dimension erreicht, die man sich in der Vergangenheit nicht vorstellen zu können glaubte. Das Unvorstellbare aber ist Realität geworden und wirft vorab einige Fragen auf.
Können wir uns wirklich noch wundern, wenn mitten in unserer leider gar nicht so heilen Umgebung das Unfassbare geschieht, der menschenverachtende Extremismus seine hässliche Fratze zeigt und - wahllos oder auch gezielt - im Namen Gottes mordet? Die Anschläge der vergangenen Woche sind, auch in ihrer Härte, durch nichts zu rechtfertigen. Haben aber nicht auch kriegerische Auseinandersetzungen, wie etwa der Angriff auf den Irak vor 13 Jahren, dazu eine gewisse Legitimierung, zumindest aber eine Veranlassung geliefert? Haben wir, die „zivilisierte Welt“, in dieser Hinsicht nicht auch Dreck am Stecken?
Und dann: Weil man auch militärische Interventionen und Operationen bis zum Ende durchdenken muss, drängt sich die Frage auf, warum unsere ansonsten so überwachungsgeilen Staaten nicht in der Lage waren und sind, uns vor derartigen Anschlägen und Überfällen auf die Demokratie besser zu schützen. Die Attentäter von Paris waren bekannt, aktenkundig, man wusste um ihre Gefährlichkeit, um ihre militärische Ausbildung, um ihre geistige Ausrichtung. Haben hier elementare Schutzmechanismen versagt?
Vor diesem eher trostlos wirkenden Hintergrund hat die große Kundgebung, die, nicht nur in Paris, gestern der Opfer gedachte und ein klares Zeichen gegen den Terrorismus setzte, neue Hoffnung geweckt. Arm in Arm marschierten namhafte Politiker aus sehr verschiedenen, teilweise sogar verfeindeten Ländern, mit Präsident François Hollande demonstrativ in der ersten Reihe der Kundgebung: Ein Bild, das träumen lässt, umso mehr als man es in dieser zutiefst menschlichen Dimension noch nie gesehen hat.
Gedanken, Werte von Menschlichkeit und Solidarität sind stärker als alle Waffen. Das müssen wir nicht nur den Terroristen entgegenhalten, das müssen wir auf Dauer auch in den politischen Auseinandersetzungen beherzigen, mehr und deutlicher als es bislang getan wurde.
Sollte der gestern eindrucksvoll demonstrierte Schulterschluss die Schockstarre lösen und den Anfang einer neuen politischen Kultur einläuten, dann wären die Opfer vom 7. und 8. Januar nicht umsonst gestorben.
Trotz des Attentats am vergangenen Mittwoch hat die Redaktion von Charlie Hebdo beschlossen, an diesem Mittwoch eine Ausgabe heraus zu bringen, inklusive neuen Mohammed-Karikaturen. Finden Sie das gut?
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