CORDELIA CHATON

So langsam fängt es an, weh zu tun. Nach Unilever, Starbucks, Coca Cola sowie 90 weiteren US-Unternehmen schwappt die Welle der Konzernproteste nun nach Europa. Hier hat jetzt der Chemie-Riese Henkel beschlossen, bei der seit Mitte Juni gegründeten Initiative #StopHateForProfit mitzumachen. Der Düsseldorfer Konzern, der unter anderem das Waschmittel Persil sowie Schwarzkopf-Shampoo verkauft, folgt damit einer Reihe von Unternehmen, die Facebook zu einem verstärkten Vorgehen gegen rassistische und gewaltverherrlichende Inhalte bewegen wollen. Auch Adidas will seine Werbung für die Marke Reebok im Juli aussetzen. Und selbst der US-Autohersteller Ford gab bekannt, er werde 30 Tage lang keine Werbung auf sämtlichen sozialen Medien schalten. Das trifft dann auch Twitter oder Snapchat. Henkel-Rivale Unilver hatte die Werbung sogar bis Jahresende auf Facebook, Twitter und Instagram ausgesetzt. Der Werbeetat von Unilever liegt bei rund 42 Millionen Dollar, der von Coca Cola bei 22 Millionen Dollar. Es geht also nicht nur um eine Geste, sondern um richtig viel Geld.
Facebook trifft das empfindlich, denn der Konzern, der mit 2,5 Milliarden aktiver Nutzer täglich wirbt, lebt vor allem von Werbung. Werben kann grundsätzlich jeder. Der Preis wird dann über ein Auktionssystem festgelegt. Die Folge der Ankündigung: Die Aktie sackte ab, Facebook-Gründer und CEO Marc Zuckerberg versprach Besserung.
Das Problem mit Zuckerberg ist seine Glaubwürdigkeit. Facebook stand schon oft am Pranger. Wegen des Umgangs mit privaten Daten, dem Aufruf zu Gewalt, Steuervermeidung, Zensur, der Verletzung von Rechten des geistigen Eigentums, Fake news und dem live streamen von Gewaltverbrechen. Sri Lanka blockierte erst im vergangenen Jahr Facebook und Whatsapp nach den schlimmsten antimuslimischen Aufständen, die das Land seit langem erlebt hat - angeheizt von den gar nicht sozialen Netzwerken. Noch schlimmer ist die
Rolle, die Facebook im Skandal von Cambridge Analytica spielte, einem Unternehmen, dass Wahlbeeinflussung zum Portfolio zählte und dabei auf die Profile von 87 Millionen Facebook-Nutzern zählen konnte - ohne das zu dürfen. Bevor der „Guardian“ das publizierte, wurde er von Facebook und Cambridge Analytica eingeschüchtert. Weitere Untersuchungen zu Wahlkampagnen und Finanzierung zeigen: Facebook ist brandgefährlich, vor allem für Demokratien.
Bislang kam Zuckerberg immer noch davon. Doch zuletzt stand er wegen der kommentarlosen Veröffentlichung von Trumps Aussagen im Zusammenhang mit dem Tod eines Schwarzen und anschließenden Protesten in den USA am Pranger. Und jetzt kommt die Retourkutsche. Selbst der weltweit größte Autokonzern, VW, kündigte am Dienstag die Einstellung seiner Werbung an. „Hasskommentare, diskriminierende Äußerungen und Posts mit gefährlichen Falschinformationen dürfen nicht unkommentiert veröffentlicht werden und müssen Konsequenzen nach sich ziehen“, betonte Volkswagen.
Es mag wohlfeil sein, sich den anderen anzuschließen und als Konzern zu betonen, dass man weltoffen ist. Aber Dollars sind die einzige Sprache, die Zuckerberg versteht. Mit Anstand hat er nichts am Hut. Das macht diese Kampagne so sinn- und wirkungsvoll.