LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Alltagserfahrungen mit dem Mercedes S 500 Coupé

Die Nachbarn sind eine Menge gewöhnt von dem Mensch, der bei der Zeitung arbeitet und des Öfteren mit Testwagen aller Größen nach Hause kommt, bis hin zur Bus-Variante eines Sprinters. Man schaut kaum noch hin. Doch dieses Mal war alles anders.

Dieses Auto war ein echter Kopfverdreher. Man konnte die Nasenabdrücke an den Seitenscheiben schon zählen. Sage noch einer, in Schwaben würden keine Traumwagen mehr gebaut, schließlich sei auch ein Mercedes nicht mehr als ein Fortbewegungsmittel. Das mag auf A- und B-Klassen vielleicht zutreffen, doch dieses Auto - ein Mercedes S 500 Coupé - spielt in einer ganz anderen Liga. Das Fahrverhalten des S-Klasse-Coupé konnten wir schon bei der Fahrvorstellung in der Toskana testen, jetzt war die Alltagserprobung dran.

Mitspieler in der automobilen Champions-League

Der zur Verfügung gestellte Testwagen war ein S 500 Coupé, quasi das Einstiegsmodell in die Welt der Edelcoupés, inklusive diverser Sonderausstattungen und Steuern summiert sich der Kaufpreis auf 157.000 Euro, der basispreis liegt bei 125.000 Euro. Mit diesem Coupé greift Mercedes Luxusmarken wie Bentley frontal an, genauso wie den Nachbar aus Zuffenhausen. Nicht nur von Wertigkeit und Leitung her, sondern - siehe oben - auch vom Preis. Von italienische Bastelarbeiten mit Notsitzen vor den überzüchteten Motoren wollen wir hier nicht reden. Für sein Geld kriegt man einen 5,5 Liter V8-Biturbo mit 455 PS und 700 Nm Drehmoment und ein Interieur vom Feinsten. Angesichst des Preises passt er wirlich nicht in unsere kleinbürgerliche Straße...

Nicht immer hatte man in den letzten 20 Jahren in Stuttgart eine glückliche Hand mit den großen Coupés. Nach der Stilikone C 126 (bis 1991), kamen zunächst das Schlachtschiff C 140 und dann das sehr feminin geschnittene C 215 Coupé. Mit dem neuen Coupé hat man beim Design die perfekte Balance zwischen Eleganz und Kraft gefunden.

Klassisches 2+2 Coupé

Das Äußere des Coupés ist gestreckt und dynamisch, von vorne etwas zu beliebig, da der so genannte SL-Grill (großer Stern im breiten Maul) in Stuttgart etwas zu inflationär eingesetzt wird. Seitenlinie und Heck überzeugen durch Eleganz, wie immer macht sich das Fehlen einer B-Säule und die volle Versenkbarkeit der Seitenscheiben prächtig. De facto fällt das Coupé in die Klasse der 2+2-Sitzer, da die elegante Rückbank nur Kindern oder kleineren Menschen ausreichend Platz gibt. Das Interieur ist etwas feiner als in der Limousine gestaltet, man merkt, dass die Zielgruppe für das Coupé weniger im fernen Osten zu suchen ist. Dort setzt man auf Länge und deutlich mehr Türen. Die Kunden für den 500er leben in Europa oder in den USA.

Es gibt sogar schöne Reminiszenzen an klassische Sportwagengestaltung. Das volldigitale Instrumentenbrett, d.h. Drehzahlmesser und Tachometer sehen analog aus, sind aber nur Darstellungen auf einem Bildschirm, trübt etwas des guten Eindruck. Unzählige elektronische Helferlein bis hin zu Eingriffen in die Lenkung, die engagierte Autofahrer mehr nerven als unterstützen, werden von den angesprochenen Kunden sicher mit Begeisterung aufgenommen werden.

Trotz seiner üppigen Ausmaße ist der Wagen gut zu fahren. Neben den vielen SUV im Anabolika-Design fällt der fünf Meter lange Zweitürer in der Stadt praktisch nicht auf.

Man kann mit dem Riesencoupé wunderbar auf Landstraßen cruisen, aber genauso gut auf den unlimitierten Abschnitten der (deutschen) Autobahnen die sprichwörtlich Sau fliegen lassen - weit jenseits der 200 km/h. Jedes Coupé ist vom Prinzip her schon ein unvernünftiges Auto, man zahlt mehr Geld für weniger Auto. Aber angesichts diverser SUV-Exzesse oder gar dem dekadenten Trend zum SUV-Coupé ist dieses - zugegebener Maßen teure - Luxuscoupé fast vernünftig.

Bei meiner VW fahrenden Nachbarin hab‘ ich noch auf Jahre einen Stein im Brett, weil sie mich auf einer Tour mit dem 500er Coupé entlang der Saar begleiten durfte. Das Auto hinterlässt echte Eindrücke.