LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Disko Dementia“: Ein mutiges und eindringliches Stück von Larisa Faber

Als das Licht gedimmt wird und das Stimmengeflüster aus dem Lautsprecher einsetzt, wird es still im Saal. Gespannt blickt das Publikum von zwei Seiten auf die Bühne, die ohne Kulissen und Requisiten auskommt. Die Perspektive ist ungewohnt. Die Protagonisten, die in pantomimischer Darstellung ihr Spiel aufnehmen, befinden sich auf Augenhöhe, nicht einmal einen halben Meter von den ersten Sitzreihen zu beiden Seiten entfernt.

Am Arm seiner Tochter (Fabienne Elaine Hollwege) wird der adrett gekleidete Vater (Robert Verbrugge) in sein neues Zuhause geleitet. „Where are we going?“, fragt er mehrfach. „Is my brother there?“, will er wissen. Sein neues Zuhause ist ein Pflegeheim für Demenzkranke. Der Empfang ist herzlich. Wir befinden uns in der „Banannefabrik“, wo das Künstlerkollektiv Maskénada mit „Disko Dementia“, geschrieben von Larisa Faber und inszeniert von Linda Bonvini, ein bislang im Theater eher selten behandeltes Thema aufgreift und einen schonungslosen Blick hinter die Kulissen einer Pflegeeinrichtung wirft.

Eindringliche Fakten

Unsichtbare werden in diesem Stück sichtbar. Was wir nicht sehen und worüber wir nicht reden wollen, wird uns direkt vor Augen geführt: „Si sinn iwwerall; ënnert eis, an de Stroossen, duerch déi mir ginn, an de Geschäfter, souguer an eisen Haiser. Mir gesi si, a mir gesi si net. Mir kenne si, a mir kenne si net. Si sinn d’Geeschter vun eiser Gesellschaft - a mir sollte vun hinne verfollegt sinn“. Mit diesen Worten von Nicci Gerrard (The Guardian, 21/6/2016), gefolgt von ernüchternden Fakten und Zahlen wird eindringlich in die Thematik eingeführt. Weltweit sollen laut Schätzungen von „Alzheimer’s Disease International“ nicht weniger als 46,8 Millionen Menschen von Demenz betroffen sein. Sie alle sind früher oder später auf intensive Pflege angewiesen, dann nämlich, wenn die Familienangehörigen an ihre Grenzen stoßen und sich nicht mehr um sie kümmern können. So ergeht es in „Disko Dementia“ auch der von Schuldgefühlen geplagten Tochter, die sich für ihren Vater nur das Beste wünscht. Genau das wird ihr im „Altersheem vun der Freed“ von der aalglatten Leiterin (Larisa Faber) versprochen.

Wie in der Werbung oder auf einer schönen Webseite, untermalt mit warmherziger Heidi-auf-der-Alm-Musik, wird uns eine heile Welt vorgespielt, in der alle Zufriedenheit ausstrahlen. Doch die Fassade bekommt schnell erste Risse. Witze auf Kosten der Heimbewohner, Erniedrigungen, Gewalt im Umgang mit Betroffenen, überforderte Pfleger, zu wenig Personal, schlechte Bezahlung… ja, die Realität sieht doch manchmal anders aus, als es uns die Heidi-auf-der-Alm-Idylle in den Hochglanzbroschüren glauben machen will. Öffentlich darüber gesprochen wird allerdings selten, beziehungsweise nie.

Authentisches Spiel

„Disko Dementia“ könnte eine Debatte um den Stellenwert demenzkranker Menschen in unserer Gesellschaft lostreten. Zum Nachdenken regt das Stück allemal an, dies letztlich dank der einfachen, dadurch aber nicht weniger intensiven Sprache und des authentischen Spiels der fünf Schauspieler. Neben den bereits erwähnten Darstellern stehen auch noch Elisabet Johannesdottir und Fabio Godinho auf der Bühne.

Dadurch dass die Handlung nicht übertrieben theatralisch wirkt und die Dialoge wenig komplex sind, wird die ganze Thematik umso fassbarer und bisweilen erschreckend realistisch. Im Mittelpunkt des Geschehens steht ein Vorfall, zu dem es während einer Nachtschicht kommt und dessen ganzes Ausmaß stückchenweise aufgedeckt wird. Ein scheinbar banaler Scherz läuft aus dem Ruder und nimmt eine brutale Wendung. Statt aber den moralischen Zeigefinger zu erheben und das Personal an den Pranger zu stellen, zeigt die Autorin sie von ihrer menschlichen Seite.

Aus mehreren Perspektiven

Letztlich versuchen auch die Verantwortlichen zu verstehen, wie es überhaupt so weit kommen konnte und wann sie vergessen haben, dass die pflegebedürftigen Heimbewohner „einmal so waren wie wir“. Auf der anderen Seite will die Tochter in Erfahrung bringen, was an besagtem Tag mit ihrem Vater passiert ist. Sie legt sich mit der Leitung und einem Juristen an. Welche Möglichkeiten hat man schon, wenn man sich gegen das System auflehnt? Der Druck ist groß, genau wie die Abhängigkeit und letztlich die Angst, etwas zu sagen, sich zur Wehr zu setzen, auf Missstände aufmerksam zu machen. Das alles wird in Larisa Fabers mutigem Stück - wie es scheint, hat es einen wahren Hintergrund, weshalb das Familienministerium seine bereits zugesagte Unterstützung wieder zurückzog - mehr als deutlich, ohne dabei aber generell anklagend zu wirken. Vielmehr soll der wirkliche Alltag in Pflegeeinrichtungen ungeschönt ehrlich veranschaulicht werden. Mehr als einmal bleibt dem Zuschauer das Lachen im Hals stecken, dann nämlich, wenn er realisiert, dass dies eine Wirklichkeit ist, die jedem von uns irgendwann bevorstehen kann.

Auch die Szenen, die ohne Worte auskommen, die alleine von der Symbiose aus Gestik, Mimik, Sound und Licht leben, verfehlen ihre Wirkung nicht. Besonders eindringlich ist das Spiel von Robert Verbrugge in der Rolle des Vaters. An dieser Figur wird deutlich, wie es sich anfühlen muss, wenn man an Demenz erkrankt, wenn man kaum noch einen Gedanken in Worte fassen kann, wenn man die Welt nicht mehr versteht und langsam verschwindet. So wird „Disko Dementia“ zweifelsohne für jeden Zuschauer zu einer emotionalen Achterbahnfahrt, die im besten Fall zu einem Umdenken und mehr Verständnis für die Betroffenen führt.

Lesen Sie dazu auch noch einmal unser Interview mit der Autorin Larisa Faber: tinyurl.com/DiskoDementia

Weitere Vorstellungen in der „Banannefabrik“ am 24., 25., 26., 27., 30. & 31. Oktober um 20.00 sowie am 28.10. um 17.00 (Tickets unter www.maskenada.lu).

Im Escher Theater wird am 20. November um 20.00 und am 21. November um 10.00 gespielt (http://www.theatre.esch.lu)