LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über den Mut, Diskussionen abzubrechen

Letzte Woche war ich auf einmal des Diskutierens müde. Ob mich das wohl zu einem schlechten Menschen macht, habe ich mich gefragt, ob ich mir nicht genug Zeit nehme und ausreichend Geduld aufbringe, ob es ein Zeichen von Schwäche ist, das sich bemerkbar macht. Nachdem ich eine Weile mit mir selbst gerungen habe und noch einige Versuche gewagt habe, die Diskussionen, in die ich mich verwickelt fühlte, am Leben zu erhalten, kam ich zu dem Schluss, dass es manchmal legitim, wenn nicht sogar wünschenswert ist, sie abzubrechen.

Konstruktiv statt destruktiv

Diskussionen sollten einem Zweck dienen. Sie dienen zwei oder mehreren Menschen dazu, die Lösung für ein Problem zu finden oder in einer Meinungsverschiedenheit auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, indem jeder dem anderen in entsprechendem Maße entgegenkommt. Wenn dieses Ziel aus der greifbaren Nähe rückt, wenn sich der Meinungsaustausch im Gegenteil immer weiter hiervon entfernt, verliert er seinen Sinn. Unfruchtbare Diskussionen verfolgen entweder gar kein Ziel oder dienen Scheinzwecken.

Beispielsweise gibt es Debatten, die allein um der Debatte Willen geführt werden. Wenn es einen Sinn dahinter gibt, dann höchstens der, Frust abzulassen, womöglich auch die Selbstinszenierung. Wer kennt sie nicht, die Person, die inhaltsleere Aussagen in möglichst schöne, fremdwortlastige und schwerverständliche Sätze verpackt? Womöglich vertritt jemand auch nur eine bestimmte Meinung, um die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu vermitteln. Zum Wir-Gefühl gehört manchmal auch, Dinge zu verfechten, zu denen man selbst nicht steht, und anderen in Angelegenheiten den Rücken zu stärken, die man im Innersten des Herzens eigentlich kritisiert. Ein gutes Fundament für eine Debatte ist das aber nicht.

Die Sackgasse erkennen

Ebenfalls sollte die Diskussion meines Erachtens nach abgebrochen werden, wenn sie einen oder mehrere folgender Punkte erreicht.

Erstens: Die Teilhaber reden konsequent aneinander vorbei. Dies kann unbewusst passieren. Dann lässt sich eventuell noch einen Versuch wagen, auf ein gemeinsames Thema zu kommen. In den meisten Fällen aber dürfte das beabsichtigt sein, vielleicht, weil man über einen anderen Sachverhalt lieber sprechen würde. Das aktuell diskutierte Thema kann dabei explizit beanstandet werden - „hu mir soss keng Problemer?“ - oder implizit, in dem man ein verwandtes Thema für dringlicher erklärt. Hierbei verweise ich gern auf den moien.lu-Artikel „Thema verfehlt“ vom 16. August.

Zweitens: Die Diskussion verliert an Nüchternheit und Sachlichkeit und gleitet auf eine persönliche Ebene ab. Wer darauf noch etwas entgegnet, wird es schwer haben, die Ebene der Anfeindungen wieder zu verlassen.

Drittens: Einer der Kontrahenten greift zu einem „Totschlagargument“, das im Grunde nur ein Scheinargument ist, dem man dennoch nichts mehr entgegensetzen kann, weil es jegliche Kritik entkräftet und/oder dem Gegenüber seine Legitimation abspricht. Aktuell scheint es beliebt zu sein, eine der Parteien als „rechtspopulistisch“ oder nationalistisch darzustellen. Einerseits wird in dem Fall auch wieder das Thema verschoben; diskutiert wird nun über das Konstrukt der Nation und „den Luxemburger“. Andererseits dürfte jedem bekannt sein, dass er nicht mehr ernst genommen wird, sobald er in die rechte Ecke gedrängt wurde, ganz gleich, wie überzeugend und nuanciert seine Argumentation in Wahrheit ist.

Dieses dritte Phänomen ist übrigens eines, das ich zum Teil auf die Sprachendebatte zurückführe. Ich wage, die These in den Raum zu werfen, dass auch diese Diskussion nicht zum angemessenen Zeitpunkt beendet wurde und dass die nicht-endenwollenden Auseinandersetzungen zu einem Schwarz-Weiß-Denken geführt haben, einer automatischen mentalen Einteilung in „gut“ und „böse“, „links“ und „rechts“, und solche vereinfachte und stark verallgemeinernde Denkstrukturen tragen nicht gerade dazu bei, dass künftige Diskussionen auf ein fruchtbares Ergebnis stoßen.

Mehr Kritik an der Kritik

Zum Abschluss möchte ich zwei Überlegungen anführen. Zum einen sollte man Debatten auf Facebook möglichst meiden und verstärkt das direkte und mündliche Gespräch zu anderen suchen. Der Kontext der Diskussionen kann deren Verlauf und Ergebnis nämlich maßgeblich beeinflussen, weil, und das wäre der zweite Aspekt, uns dann auch präsenter ist, dass es Menschen sind, mit denen wir sprechen. Manchmal kommt es mir so vor, als würde das in Vergessenheit geraten, als würden wir einfach Aussagen in den Raum werfen und dabei außer Acht lassen, dass uns nicht einfach ein gesichtsloses Argument entgegengesetzt wird, sondern der persönliche Standpunkt eines Mitmenschen. Mir fehlt hin und wieder der Respekt, die Hochachtung vor einander, gerade in Diskussionen, in denen etwas kritisiert wird, das jemand anderes gedacht oder geschaffen hat. Mir wird mitunter zu sehr darauf gepocht, dass alles, und zwar ausnahmslos, kritisch betrachtet und bewertet gehört. Ich würde mir mehr Kritik an der Kritik wünschen beziehungsweise dass man sich im Voraus mehr Gedanken darüber machen würde, was überhaupt ein geeigneter Diskussionsgegenstand ist, und was nicht.