CLAUDE KARGER

Weniger als einen Monat vor dem geplanten Exit Großbritanniens aus der Europäischen Union scheint die Lage so verfahren wie nie. Alle paar Tage kämpft Regierungschefin May im Parlament für Rückhalt für ihre neusten Pirouetten in Sachen Nachverhandlungen mit der EU, die diese nicht will. Schließlich hat man fast zwei Jahre lang um jedes Komma mit den Briten gefeilscht und dabei ist natürlich ein Kompromiss herausgekommen. Die Übergangsperiode von zwei Jahren, während der über problematische Dossiers wie der berühmte „Backstop“ für Nordirland weiter diskutiert und die Handelsbeziehungen zu der EU auf ein neues Fundament gestellt werden sollen, war von Anfang an gegeben. Es gab eigentlich wenige Gründe, den Deal nicht mitzutragen.

Aber das war die Rechnung ohne das parteipolitische Klein-Klein auf der Insel gemacht, auf der die politischen Formationen tief gespalten sind. Während die konservative May parteiintern dauernd von den „Brexiteers“ herausgefordert wird, die seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten auf Teufel komm raus gegen „Brüssel“ hetzen, die Wurzel allen Übels das Großbritannien jemals befallen habe, legt auch Labour dauernd Pirouetten hin. Jüngst kündigte Parteichef Corbyn an, nun doch für ein zweites Brexit-Referendum zu sein.

Während Theresa May dauernd Wasser in ihren Wein schütten muss und ihr somit langsam die Kontrolle über das Geschehen entgleitet und ihr nichts weiter bleibt als Zweckoptimismus zu verbreiten, dass das „No-Deal“-Schreckensszenario rechtzeitig abgewendet werden könnte und die tickende Brexit-Uhr als Druckmittel einzusetzen. Könnte, hätte, wäre... Alles Synonyme für die Unsicherheit, die Großbritannien und die EU seit nun fast drei Jahren fest im Griff hat und bereits enormen Schaden angerichtet hat. Nicht nur, dass Investoren milliardenschwere Projekte auf der Insel auf Eis gelegt haben oder gar längst auf den Kontinent geflüchtet sind. Das knappe und regional sehr ungleich verteilte Resultat beim Brexit-Referendum am 23. Juni 2016 hat tiefe Gräben zwischen den Briten aufgeworfen und zwischen ihnen und anderen EU-Bürgern.

Das Brexit-Deal-Geschacher hat das Vertrauen beiderseits des Ärmelkanals nachhaltig unterminiert. Das wird schwer auf künftigen Verhandlungen lasten. Verständlich, aber doch bei einem so wichtigen Anliegen wie dem historischen Austritt eines Landes aus der EU kaum zu glauben, wie stark Emotionen hier spielen. Gestern trat der britische Agrar-Staatssekretär George Eustice zurück, weil er keine Verzögerung der Scheidung hinnehmen möchte und warnte in diesem Zusammenhang vor einer „Demütigung“ seines Landes durch die EU. Hier zeigt sich wiederum das Lagerdenken, das gemeinsam mit einem gerüttelt Maß an Ausländerfeindlichkeit, krasser Desinformation und „Empire“-Nostalgie dazu führte, dass sich die Brexit-Tragödie überhaupt entfalteten konnte... Egal was in den nächsten Wochen passiert: Ein No-Deal wird bis zum 29. März wohl kaum mehr abzuwenden sein. Aber was bringt eine Verlängerung - die interessanterweise nach sich ziehen könnte, dass die Briten noch einmal Europaparlamentswahlen abhalten müssten -, wenn London keine Entscheidungen fällt? Dann lieber doch ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.