ANNETTE WELSCH

Täglich neue „bad news“ zu den Folgen des Brexit-Votums: Banken ziehen ab nach Frankfurt oder, wie gestern vom US-Vermögensverwalter Northern Trust vermeldet, nach Luxemburg, das britische Pfund hat 16 Prozent an Wert gegenüber dem Euro verloren, das Wirtschaftswachstum hat sich auf zuletzt 0,2 Prozent zum Vorquartal verlangsamt. Bloomberg veröffentlichte gestern zehn ökonomische Warnsignale, die belegen, in welcher Gefahrenzone sich das Land befindet: „Großbritannien ist am Punkt zu kippen“, heißt es da. Die Autoverkäufe sind seit Mitte 2016 um zehn Prozent abgesackt, während sich die Kreditkartenschulden im gleichen Zeitraum um zehn Prozent erhöhten. Die Lohnsteigerungen bewegen sich unterhalb der Inflationsrate, was für Millionen Briten Reallohnverluste bedeutet. Das Gegenteil von dem, was die Brexit-Befürworter versprochen haben, ist eingetreten: Die Armen werden ärmer, die Reichen spüren nichts. Auch die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA bereitet sich mit ihren rund 900 Arbeitsplätzen auf den Umzug auf den Kontinent vor: Mehrere Länder bewerben sich um den neuen Sitz, die Frist läuft Ende des Monats aus. Zurückdrehen lässt sich das dann nicht mehr.

In London wächst nun der Druck aus den Medien auf die Regierung, die Wähler erneut zu fragen, was höchst unwahrscheinlich ist. Ex-Premier Tony Blair forderte die Regierung derweil auf, jetzt alle Optionen, auch die eines Rückzugs vom Rückzug, auf den Tisch zu legen: „Wir fühlen uns wie ein Land, das seinen Weg verloren hat und zu stolpern beginnt“, warnte er.

Es gibt vier mögliche Szenarien. Das erste ist der von Theresa May im Januar vorgezeichnete Kompromiss, den Binnenmarkt und die Zollunion zu verlassen und ein Handelsabkommen mit der EU abzuschließen, die Zuwanderung von EU-Bürgern zu kontrollieren und sich der Rechtsprechung des EuGH zu entziehen - ein No-go für die EU und auch das Unterhaus wird er schwerlich passieren können, denn sowohl Pro-Eu-Abgeordnete als auch Brexit-Hardliner könnten sich aus ganz unterschiedlichen Gründen widersetzen. Und mittlerweile sind nach den Neuwahlen die Mehrheitsverhältnisse ja denkbar knapp. Zweitens könnte es auf einen „No deal“ herauslaufen mit katastrophalen Folgen vor allem für die britische Gesellschaft. Oder man einigt sich drittens auf eine Übergangsphase, in der zunächst alles beim Alten bleibt. Das könnte mit Unterstützung von „Labour“ klappen, die sich in ihrem Wahlprogramm festlegten, das Brexit-Votum zu akzeptieren, aber jeden Vorteil der EU-Mitgliedschaft behalten zu wollen. Fraglich ist, ob die EU-Länder das mitmachen oder dann fordern, dass - viertens - die Brexit-Idee definitiv fallen gelassen wird. Auch dafür ließe sich wohl eine parteiübergreifende Mehrheit im britischen Parlament finden, denn die Stimmen dafür mehren sich. Man wäre aber wieder am Beginn des Elends angelangt, bei einer über die EU-Mitgliedschaft noch mehr gespaltenen konservativen Partei. Denn David Cameron rief das Referendum ja gerade aus, um die EU-Gegner in seiner Partei endgültig zum Schweigen zu bringen. Welch einen Preis hat die Insel dafür jetzt schon bezahlt. Ein schnelles Ende mit Schrecken wäre besser.