LUXEMBURG
SVEN WOHL

Jeder Schriftsteller ist einzigartig - auch in seiner Arbeitsweise!

Schreiben ist 90 Prozent Handwerk und zehn Prozent Können - Diesen Satz liest man immer wieder in diversen Büchern zum Thema Kreativschreiben. Dabei wird gerne betont, wie unterschiedlich die Schreibarbeit von Schriftstellern aussehen kann. Doch stimmt das? Wir wandten uns an einige luxemburgische Schriftsteller:

Schritt für Schritt, Wort für Wort

Jeder Schriftsteller würde gerne jeden Tag schreiben. Das scheitert für die meisten an der Realität. Claude Peiffer, luxemburgischer Science-Fiction-Schriftsteller, würde gerne zwei bis vier Stunden am Tag investieren. Dafür fehlt aber meistens die Zeit. „Ohne Lust kein Schreiben“, meint dazu Luc François, der von einem täglichen Pensum nichts wissen will. Jean Bürlesk ist einfach nur froh, wenn er überhaupt einmal dazu kommt - Wettbewerbe oder Bestellungen helfen der Motivation aber durchaus auf die Sprünge.

Die junge Schriftstellerin Paule Daro nimmt sich kein Pensum vor: „Es kommt für mich nicht darauf an, schnell fertig zu werden, sondern den Prozess zu genießen“, meint sie. Sie ist bereits glücklich, wenn sie jeden Tag eine Stunde Zeit findet, um
kreativ zu sein.

Ein Pensum hat dagegen Kiara Roth allerdings schon: Im Jahr 2019 sollen es bei der unveröffentlichten Schriftstellerin 120.000 Wörter werden. System steckt bei Jean Back dahinter, denn prinzipiell schreibt er morgens von acht bis elf. Ihm kommt es nicht auf die Masse an, die er produziert. Das, was geschrieben wird, muss einfach gut sein - und wenn es nur ein Satz ist.

Ganz nach Plan und mit Gefühl

Doch wie sieht die tägliche Arbeit aus? Welchen Wert legen die Schriftsteller auf eine ausführliche Vorbereitung? Claude Peiffer arbeitet zu jedem Kapitel ein Exposé aus und Jean Bürlesk weiß meistens genau, wo er am Ende einer Erzählung sein möchte. Nur wie man dorthin gelangt, ist ihm nicht immer klar. Luc François sieht das Schreiben als fortlaufenden Prozess, dessen Strukturen grob aus- und die Korrekturen spät anfallen. Vom Thema leiten lässt sich auch Jean Back, nur beim neuen Roman musste die Handlung schon vorher stehen.

Paule Daro bringt ihre Vorstellungen, was Figuren und Handlung angeht, zunächst zu Blatt und skizziert jedes Kapitel. Beim Schreiben treten schnell Veränderungen und Probleme auf, die es zu lösen gilt. Bei den Korrekturen beginnt die eigentliche Arbeit: „Ich versuche, genau hinzuschauen, welche Geschichte ich eigentlich erzählen möchte.“ Bei Kiara Roth gibt es drei einfache Etappen: Planen, Schreiben und Überarbeiten - wobei das Überarbeiten erst Monate nach dem Schreiben der ersten Fassung folgt.

In der Ruhe liegt die Kreativität

In einem Punkt sind sich fast alle gefragten Schriftsteller einig: Beim Schreiben dürfen sie nicht gestört werden. Wie man sich am besten in Stimmung versetzt, sieht dann bei jedem leicht anders aus: Peiffer setzt auf dezente Musik und gelegentlich auf ein Glas Wein.

Paule Daro schreibt nach Yogaübungen und Meditationen, um einen wachen, freien Kopf zu erhalten. Ausnahmen gibt es schon: Kiara Roth schreibt gerne mit anderen Autoren in einer gemütlichen Runde, Luc François kann selbst dann, wenn eine Band neben ihm probt. Hauptsache, er hat Zeit.

Besonderes Handwerkzeug darf bei einigen nicht fehlen. Kiara Roth setzt auf das Schreibtool „Scrivener“, welches ihr bessere Möglichkeiten zur Strukturierung gibt. Claude Peiffer kombiniert „Indesign“, „Photoshop“ und „Illustrator“, da er seine Texte auch layoutet. Die Tastatur und das Programm müssen bei Jean Back stets das gleiche sein.

Furchtlos zeigen sich unsere Autoren bei der Horrorvorstellung der Schreibblockade. Gut dagegen ankommen tun viele mit Musik. Jean Back etwa löst damit genauso gut Blockaden wie mit dem Schauen eines guten Filmes, Gartenarbeit oder dem einen oder anderen Spaziergang. Paule Daro nimmt ihre Kreativität, wie sie kommt und gesteht, dass manche Tage sich einfach besser eignen, um zu streichen und zu korrigieren. Erzwingen möchte sie es auf keinen Fall, doch Musik und lockeres Drauflosschreiben könnten weiterhelfen.

Fernsehen oder ein Computerspiel hilft Claude Peiffer, während Kiara Roth sich mit anderen Schriftstellern austauscht oder auch eine gepflegte Runde Drauflosschreiben empfiehlt. Für Luc François ist die Distanz zum Text in einem solchen Moment das Wichtigste.

Lesen als Denkprozess

Und wie sieht es mit dem Lesen aus? Während Claude Peiffer leider oft die Zeit fehlt, um viel zu lesen, schafft er es dann doch gelegentlich, Bücher mit komplexen Universen, oftmals Teil einer Reihe, zur
Unterhaltung zu lesen. Für Luc François ist das Lesen von einer fundamentalen Bedeutung: Es bringt
neue Inspirationen mit sich und hilft, die eigene Sprache zu verbessern.

Diese Gesinnung findet sich bei den meisten Autoren wieder. „Lesen ist Teil des Denkprozesses. Ohne Denkprozess kein Schreibprozess“, fasst es Jean Bürlesk zusammen. Für Paule Daro handelt es sich um Inspiration für Inhalt und Stil, Jean Back nimmt sich Größen wie Joyce und Murakami als Vorbild. Für Roth bringt es sogar neue Motivation mit sich. Da kann schon der Gedanke auftauchen, dass man es eventuell besser könne - was man natürlich gleich ausprobieren muss!