LUXEMBURG
NICO PLEIMLING

Jean Beurlet wird im CNL mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichnet

Im Nationalen Literaturzentrum CNL in Mersch wird am heutigen Dienstag um 19.00 der diesjährige Literaturpreis überreicht. Indes Nathalie Ronvaux mit dem Hauptpreis für „La vérité m’appartient“ ausgezeichnet wird, bekommt Jean Beurlet eine lobende Erwähnung für das Lustspiel „Eine herrliche Frau“, das er unter dem Pseudonym Narr Ziss an die fünfköpfige Jury geschickt hat.

Wann haben Sie mit dem Schreiben angefangen?

Jean Beurlet Ich war schon immer eine Leseratte. Sobald ich die Befähigung erlangte, ein Buch in der Hand zu halten, schleppte ich mein Lieblingsbuch - falls ich mich recht entsinne, eine Geschichte über ein Kaninchen - überall mit mir herum. Den Schritt zum Schreiben hin machte ich allerdings erst mit elf oder zwölf Jahren, und zwar unter dem Einfluss meines Vetters, der trotz seiner ausgeprägten Dyslexie und einer daraus resultierenden unverwechselbaren Rechtschreibung selbst literarische Ambitionen pflegte und pflegt. Mein erstes literarisches Projekt war dann aber auch gleich ein Epos über Luzifer und den Erzengel Michael.

Wurden Sie von Lehrern, Familie oder Freunden ermutigt?

Beurlet Vor meiner Familie habe ich mich lange mit meinen Schriften versteckt. Zwar wussten sowohl meine Eltern als auch meine Geschwister, dass ich schreiben würde, sie haben aber lange nichts zu Gesicht bekommen. Von meinem Vetter abgesehen, war mein erster Leser mein damaliger Lehrer, Herr Adams. Zwar hat auch er nur eine halbe Seite aus meinem bereits erwähnten Epos gelesen (mehr ist dann auch nicht mehr entstanden) und den Text würde ich vermutlich so nicht mehr publizieren lassen, aber seine Zustimmung hat mir damals viel bedeutet. Immerhin war er nicht nur eine von mir sehr geachtete Person, sondern auch allgemein der erste Erwachsene, der mein Schaffen zu Augen bekam. Unter seiner Regie nahm ich meine erste Rolle in einem Theaterstück wahr.

Wie lange haben Sie an dem tragischen Lustspiel „Eine herrliche Frau“ geschrieben?

Beurlet Entstanden ist das Projekt als ein Geschenk zum 18. Geburtstag eines Freundes im März 2010. Ich hatte das Schreiben seit mehreren Jahren fast gänzlich aufgegeben, fand aber mit Vergnügen dazu zurück. Neuland war für mich das Genre - ich hatte in den vorangehenden Jahren im von mir besuchten LGL und im Konservatorium der Stadt zwar viel Theater gespielt und natürlich unabhängig davon noch viel mehr gelesen, hatte mich aber noch nie selbst als Dramatiker versucht - und bis zu einem gewissen Grad auch die Sprache, waren doch meine bisherigen literarischen Versuche zumeist französischsprachig gewesen. Zum Vorbild wurde mir, vor allem in sprachlicher Hinsicht, Alexander N. Ostrowkis „Der Wald“, und zwar in der Fassung von Michèle Clees. Meinem Freund gefiel das Theaterstück leider nicht und das Projekt fiel schnell in Vergessenheit, aber als ich Ende Mai zufällig über den Nationalen Literaturwettbewerb las, schien es mir die perfekte Gelegenheit, das Theaterstück wieder auszugraben.

Gab es Passagen im Stück, die mehr Zeit in Anspruch nahmen als andere?

Beurlet Natürlich. Zwischen 2010 und 2013 habe ich immer wieder versucht, das Theaterstück zu überarbeiten, bin aber selten über die erste Szene hinausgekommen. Es würde mich nicht wundern, wenn ich dieser einen Szene genauso viel Zeit gewidmet hätte, als dem gesamten restlichen Stück.

Worum geht es in groben Zügen?

Beurlet Es geht um sechs Personen, die sich in drei Paare gliedern: Peter und Maria Sinnlich sind ein junges Paar mit Kommunikationsproblemen, Friedrich Richter - tatsächlich ein Richter - ist ein Zyniker und ein Hedonist, oder vielleicht auch nur ein zutiefst unglücklicher Mensch, der mit einer viel jüngeren Frau verheiratet ist, der es vordergründig um Kontrolle (ursprünglich vor allem über ihr eigenes Schicksal) geht. Gerhard Könner ist ein Mann von Prinzip, ein guter Mensch, der blind ist für alles was nicht in sein Weltbild passt. Seine Schwester Agnes ist die Gestalt im Hintergrund, die diskrete und freundliche Frau, die keinem jemals auffällt, die aber mit eigenen Dämonen ringt. Es geht um menschliche Beziehungen, besonders, aber nicht nur, zwischen Mann und Frau, es geht um Identität und wie wir sie bestimmen, vor allem aber geht es um ein paar zentrale Fragen: Warum verstecken wir unsere Gefühle so oft hinter Oberflächlichkeiten? Warum treffen wir manchmal Entscheidungen im vollsten Bewusstsein, dass es die falschen sind? Und warum haben immer die dämlichsten Männer die herrlichsten Frauen?

Wie kann der Titel des Lustspiels interpretiert werden?

Beurlet Der Titel ist kritisch zu verstehen. Eine Frau kann genauso wenig „herrlich“ sein, als ein Mann „dämlich“. Dieses Paradox wird durch den Untertitel (Ein tragisches Lustspiel) gleichzeitig unterstrichen und aufgelöst: Yin und Yang sind sowohl Gegenpole als auch komplementär.

Waren Sie überrascht, als Sie erfahren haben, dass Sie mit einem Förderpreis des Nationalen Literaturwettbewerbs ausgezeichnet werden?

Beurlet Ja und Nein. Ich hegte schon die Hoffnung, dass das Theaterstück nicht ganz „unlesenswert“ sei, sonst hätte ich es kaum eingereicht. Sorgen bereitet hat mir aber vor allem die Tatsache, dass ich bis zum letztmöglichen Abgabetermin am 9. Juli nicht ganz fertig geworden bin, was den Mitgliedern der Jury kaum entgangen sein wird. Dass sie es trotzdem der Verleihung eines Förderpreises für würdig hielten, erachte ich als eine besondere Ehre.

Welche Bedeutung hat der Preis für Sie?

Beurlet Der Preis gibt mir zweifellos neuen Antrieb, mich wieder stärker mit literarischem Schaffen zu beschäftigen, was ja auch das erklärte Ziel des Wettbewerbs ist. Zudem hege ich die Hoffnung, dass er mir die Publikation und - wer weiß - vielleicht sogar die Aufführung des Stückes erleichtern wird.

Welche Projekte wollen Sie 2014 in Angriff nehmen?

Beurlet Momentan versuche ich mich zu meinem eigenen Erstaunen an Lyrik - und bin mit dem Resultat nicht einmal unzufrieden. Zwar handelt es sich hierbei um epische Lyrik, sodass eine gewisse Verwandtschaft zum Drama besteht, dennoch hätte ich mich vor sechs Monaten nie als Dichter bezeichnet. Das heißt aber keinesfalls, dass ich dem Genre des Theaters den Rücken zukehren werde. Dem Drama kommt nach wie vor meine besondere Aufmerksamkeit zu. „Eine herrliche Frau“ ist von der äußeren Gestaltung her noch sehr dem klassischen Drama verpflichtet, wenngleich es vier Akte zählt und inhaltlich wohl eher dem Gesellschaftsdrama zugeordnet werden muss. Das soll sich mit meinem nächsten Drama ändern. Die zentralen Themen werden hierbei Wahrnehmung und Darstellung sein, als Protagonist stelle ich mir Lucius Cornelius Sulla vor, also ironischerweise einen Bürger des antiken Roms.