Marc Oberweis, langjähriger Torwart und Kapitän des luxemburgischen Rekordmeisters Jeunesse Esch, erklärt gegenüber dem „Lëtzebuerger Journal“ die Gründe für seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft, die allgemeine Entwicklung des luxemburgischen Fußballs, sowie die aktuelle Situation seines Vereins.
Wie bewerten Sie den Saisonauftakt der Escher Jeunesse und welches sind die Ziele für diese Saison?
Marc Oberweis Zum Saisonauftakt kann ich soviel sagen, dass das erste Spiel gegen Differdingen, welches mit einem Unentschieden endete, sowohl spielerisch als auch vom Ergebnis her in Ordnung war. In Rosport haben wir nach gutem Beginn und einer verdienten Führung ähnlich wie gegen Differdingen zu viele unnötige Gegentore kassiert. So stand am Ende nur einer von sechs möglichen Punkten zu Buche. Die Mannschaft hat in Ettelbrück nach durchwachsenem Beginn jedoch den ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht, als sie sich mit 3:0 behaupten konnte. Wir haben uns in dieser Saison gut und auch punktuell verstärkt. Ich gehe fest davon aus, dass wir eine bessere Mannschaft als in der vergangenen Saison aufstellen können. Demzufolge wird das Ziel wie jedes Jahr ein Platz unter den ersten Vier sein, damit wir uns für das internationale Geschäft qualifizieren können. Darüber hinaus müssen wir sehen, was im Pokal möglich ist. Selbstverständlich gilt aber auch hier: Je weiter wir kommen, desto besser.
Sie spielen seit 2009 für den luxemburgischen Rekordmeister. Wie hat sich der Verein seit ihrer Ankunft entwickelt?
Oberweis Gleich in meinem ersten Jahr bei der Jeunesse sind wir Meister geworden, ein Erlebnis, das eigentlich kaum mehr getoppt werden konnte. Es war der erste große Triumph nach zuvor einigen erfolglosen Jahren und die Zuschauer erschienen auch wieder zahlreicher auf der „Grenz“. Den Titel dort zu gewinnen ist meiner Meinung nach etwas ganz Besonderes und noch einmal etwas ganz anderes, als bei irgendeinem anderen Klub in Luxemburg. Durch viele Spielerwechsel war das darauffolgende Jahr ein sehr schwieriges. Erst als Sébastien Grandjean kam, wurde wieder eine richtige Mannschaft geformt. Da das Publikum auf der „Grenz“ den Meistertitel im Jahre 2010 unter Jacques Muller aufgrund fehlender spielerischer Klasse kritisch beäugte, versuchte Grandjean genau diesen Aspekt zu verbessern. Insgesamt muss man jedoch feststellen, dass die Mannschaft unter ihm schlussendlich keinen Titel holte, was dem Verein zu wenig war. Dan Theis griff unter dem Einfluss der Jeunesse-Führungsetage dann wieder verstärkt auf junge Spieler zurück und verzichtete auf große Transfers, sodass die letzte Saison schwierig war, uns aber den Weg zu einer verbesserten Mannschaft in diesem Jahr ebnete.
Wie schätzen Sie die Entwicklung des luxemburgischen Vereinsfußballs ein?
Oberweis Wir haben uns im luxemburgischen Fußball durch das verschärfte Kraft- und Athletiktraining einen Vorteil verschafft. Dadurch, dass viel auf Vereinsebene in diesem Bereich gearbeitet wurde, lassen wir uns nicht wie in früheren Jahren von unseren Gegnern dominieren und können besser auf internationalem Niveau mithalten. Man merkt dies besonders an den guten Resultaten luxemburgischer Vereine im Europapokal in den vergangenen Jahren. In diesem Jahr konnte keine Mannschaft die erste Runde überstehen. Dies war aber auch dadurch bedingt, dass die Gegner einfach zu stark waren. Man sollte immer noch berücksichtigen, dass wir Amateure sind und nicht jedes Jahr Profis schlagen können. Deswegen sollte einem etwaigen Erfolg auch eine große Bedeutung beigemessen werden. Wer eine Statistik aufstellt, sollte sich nicht auf eine Momentaufnahme, sondern auf eine Analyse der vergangenen, doch sehr vielversprechenden fünf Jahre berufen.
Vor wenigen Monaten haben Sie ihren Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gegeben. Wie sind sie zu diesem Entschluss gekommen?
Oberweis Ich bin aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, da ich mich beruflich selbstständig gemacht habe und wusste, dass diese neue berufliche Herausforderung nicht mit der doch sehr zeitaufwändigen Aufgabe als Nationalspieler zu kombinieren war. Ich habe fast zehn Jahre lang viel für die Nationalmannschaft gegeben und wollte auch in Anbetracht der Tatsache, dass ich bereits 31 Jahre alt bin, den jungen, aufstrebenden Torhütern den Platz freimachen.
Für die Nationalmannschaft haben Sie insgesamt sieben Länderspiele bestritten.
Welcher war Ihr schönster Moment im Dress der „Roten Löwen“?
Oberweis An und für sich war jeder Moment schön, den ich in der Nationalelf erleben durfte, denn aus solchen Momenten zieht man eine unglaubliche Erfahrung. Ich habe gegen Portugal und den Weltfußballer gespielt, zudem gegen den aktuellen Weltmeister Deutschland mit Oliver Kahn im Tor, dies zusätzlich kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Es sind unvergessliche Momente, wenn du in Stadien mit bis zu 40.000 Zuschauern spielst, und ich bin stolz darauf, einer der wenigen zu sein, der solche Momente miterlebt hat. Auch in der Nationalmannschaft gab es schwierigere Phasen für mich. Jedoch habe ich auch aus diesen Phasen meine Lehren gezogen und bin insgesamt sehr erfreut darüber, über einen so langen Zeitraum Teil dieser Mannschaft gewesen zu sein.
Wie schätzen Sie die aktuellen Leistungen der luxemburgischen Nationalmannschaft sowie ihr Potenzial ein?
Oberweis Die Mannschaft hat sich in den vergangenen zehn Jahren unglaublich nach vorne entwickelt. „Fréier krute mer der laanscht d’Baken, egal wouhi mer gefuer sinn“, heute werden wir von jedem respektiert. Mittlerweile fahren wir nach Rumänien oder Weißrussland, mit dem Ziel, diese Spiele zu gewinnen, und bringen dies auch immer öfters fertig. In der Haltung sind wir heutzutage viel mehr von uns überzeugt, da wir wissen, was wir leisten können. Es gibt immer mehr luxemburgische Spieler, die den Sprung ins Profigeschäft schaffen. Alleine daran sieht man, dass die Entwicklung der Nationalmannschaft noch längst nicht an ihrem Höhepunkt angelangt ist.


