LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Wie Choreographin Fumiyo Ikeda ein Tanzstück auch nach fast 30 Jahren prickeln lässt

Die Bewegungen genau auf den Rhythmus gesetzt, elegante Bilder und prickelnde Frische im Moment: Wer das getanzt auf die Bühne zaubert, ist zeitlos. Da ist sich die Tänzerin und Choreographin Fumiyo Ikeda sicher: „Das ist unsere Arbeit, wir müssen für das Stück lebendig bleiben“. Durch ihre künstlerische Tätigkeit mit jungen Tänzern trägt sie dazu bei, dass das Stück „Achterland“ der belgischen Kompagnie Rosas zurück auf die Bühne kommt. Nach 28 Jahren. Mit fünf Tänzerinnen, drei Tänzern und zwei Musikern ist das Stück am 7. April im Großen Theater zu sehen. Die Choreographie und die Musik gleichen der der Uraufführung von 1990, die Besetzung allerdings hat gewechselt.

„Ich liebe es immer noch, auf der Bühne zu stehen“, sagt Fumiyo Ikeda. Zwar tanzt sie diesmal nicht selbst, dennoch liefert sie wieder Höchstleistungen ab. Nur eben - anders als bei den Vorstellungen in den 90ern - vor allem vor der Premiere der Stücke. Die Tänzerin und Choreographin gibt ihr Wissen um das Repertoire der Kompagnie an junge Tänzer weiter, mit denen sie die Choreographie einstudiert. So auch für „Achterland“, das Ikeda mitschuf und in den vier Jahren nach der Kreation und dann noch einmal 1998 tanzte. „Vor 20 Jahren war ich sehr eingebunden in das Stück, ich war nicht objektiv, heute lasse ich Platz für die Interpretation der jungen Tänzer“, erzählt sie.

Die Mode ist egal

Obwohl die Choreographie direkt auf die Piano-Partitionen geschrieben wurde und es daher nicht viel Möglichkeiten gibt, sie zu ändern, verlangt Ikeda von den Tänzern der dritten „Achterland“-Generation keine exakte Kopie der Vorgänger. Worauf sie aber umso mehr Wert legt, ist eine prickelnde Frische in den Bewegungen. „In jedem Moment muss das Timing frisch getanzt werden“, sagt Ikeda, die sonst sehr gelassen wirkt, diesmal fordernd und bestimmt. Prickelnd wie Champagner, daher beschäftigt sich Ikeda auch gar nicht weiter mit der Frage, ob das Stück heute noch modern ist. Man kümmert sich nicht um Mode, sondern um dieses Prickeln, um die klar herausgearbeitete Dramatik der Bewegungen.

Das tat sie auch noch bis gestern im Ballettsaal des Großen Theaters, wo sie in einem dreitägigen Profi-Workshop Interessierten aus Luxemburg, zumeist professionellen Tänzern der hiesigen Szene, Phrasen aus „Achterland“ beibrachte. Während das gute Dutzend Tänzer in T-Shirts und Trainingshosen vor dem großen Spiegel sitzt, zeigt Ikeda die Details der einzustudierenden Phrase. „Und jetzt genau den Akzent setzen.“ Sie sitzt mit präzise angewinkelten Knien und hebt die rechte Hand erst langsam über ihren Körper, lässt sie nach einer winzigen Pause rasant über ihre linke Seite streifen und leitet damit eine energiegeladene Rolle des gesamten Körpers fast bis über den Kopf ein.

Das Vermitteln von Tanzphrasen bis hin zu ganzen Choreographien ist mittlerweile Teil ihres Berufes geworden. „Es ist schwer, in Belgien als Choreograph seinen Lebensunterhalt zu verdienen“, erklärt die gebürtige Japanerin.

Türöffner in die Welt des Tanzes

Fumiyo Ikeda wurde 1962 in Osaka geboren, lernte mit zehn Jahren klassisches Ballett. 1979 ging sie nach Belgien an die École Mudra, die Tanzschule von Maurice Béjart - er gilt als einer der Erneuerer des neoklassizistischen Balletts. An der École Mudra machte sie die Bekanntschaft von Anne Teresa De Keersmaeker, die später zu einer der prägenden Figuren des zeitgenössischen Tanzes wurde und unter anderem auch mit Michèle Anne De Mey („Kiss and Cry“ und „Cold Blood“) zusammenarbeitete. 1983 schloss sich Ikeda De Keersmaekers Kompanie Rosas an und arbeitete in den folgenden neun Jahren für zahlreiche Produktionen, in denen sie auch tanzte, darunter „Stella“ und „Rosas danst Rosas“, letzteres erhielt 1987 den „Bessie Award“ für Choreographie. „Achterland“ wiederum gilt als entscheidendes Stück im Werdegang von De Keersmaeker: Hier hat sie erstmals Musiker mehr in den Tanz einbezogen. Gespielt werden von zwei Musikern Solostücke für Piano von György Ligeti und Soloviolinsonaten von Eugène Ysaÿe direkt auf der Bühne.

Neben ihrer Tätigkeit für die Kompanie Rosas arbeitete Ikeda mit dem experimentellen US-Choreographen Steve Paxton zusammen und war an Filmprojekten und Theaterstücken beteiligt. Nach dieser Zeit als freischaffende Tänzerin kehrte sie 1997 vollständig zu Rosas zurück und entwickelte sämtliche Produktionen mit.

Ihr Wissen um Tanz, Techniken und Körperbeherrschung gibt Ikeda aber nicht nur weiter, wenn es darum geht, das Repertoire von Rosas wieder auf die Bühne zu bringen. Auch wenn sich in ihre Workshops statt jungen Profitänzern sportliche Senioren oder Yogafans einschreiben, für Ikeda kein Problem. „Ich mache so“, sagt sie auf Französisch, mit der rechten Hand über dem Kopf und der linken auf Bauchhöhe und führt ihre Hände irgendwo in der Mitte vor der Brust zusammen. „Ich öffne die Tür zum Tanz für jeden.“

Die Wiederaufführung von „Achterland“ mit Tänzern der Kompagnie Rosas gastiert am 7. April, 20.00, im Großen Theater. Am 14. und 15. April, 14.00 bis 19.00, verwandelt Anne Teresa De Keersmaeker eine ihrer Choreographien in „Work/Travail/Arbeid“ im Mudam in eine begehbare Schau. Weitere Informationen unter www.rosas.be