LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Vor 25 Jahren wurde der Vorläufer des Trois C-L gegründet - der Tanzsektor steckte damals noch in den Kinderschuhen

Inzwischen ist Luxemburg auf der geografischen Karte des zeitgenössischen Tanzes vertreten. Doch noch vor 25 Jahren steckte der Sektor in den Kinderschuhen, eine Tanzszene geschweige denn –tradition gab es hierzulande nicht. Die wenigen Luxemburger, die sich als Tänzer aufs Parkett wagten, lebten im Ausland. Wohl gab es bereits private Tanzschulen, dort stand aber der Spaß an der Sache im Vordergrund. Auch Tanzvorstellungen gab es, allerdings wurden die Ensembles stets aus dem Ausland eingeflogen. Das alles sollte sich im Dezember 1994 langsam ändern, als der Vorläufer des heutigen „Centre de Création Chorégraphique Luxembourgeois“, kurz Trois C-L, aus der Wiege gehoben wurde. Am Dienstagabend wurde der 25. Geburtstag in der „Banannefabrik“ gefeiert.

Seit Oktober 2007 ist Bernard Baumgarten künstlerischer Leiter des Trois C-L
Fotos: Bohumil Kostohryz/L. Junet Photographie/David Bonnet - Lëtzebuerger Journal
Seit Oktober 2007 ist Bernard Baumgarten künstlerischer Leiter des Trois C-L Fotos: Bohumil Kostohryz/L. Junet Photographie/David Bonnet

Seit Oktober 2007 ist Bernard Baumgarten künstlerischer Leiter des Trois C-L, beziehungsweise seines Vorläufers, dem 1994 gegründeten „Théâtre dansé et muet“ (TDM). „Der Posten wurde mir im Kulturjahr 2007 angeboten, dies nach dem großen Erfolg des Projekts ,Dance Palace‘, das ich als Choreograf initiiert und geleitet hatte. Am Anfang war ich etwas unsicher, auch weil ich damals in Berlin lebte. Schließlich habe ich doch zugesagt, beziehungsweise wollte die Aufgabe ein paar Monate übernehmen, um das Ganze ans Laufen zu bringen. Aber ja, ich bin immer noch da, weil immer noch viel zu tun bleibt“, schmunzelt er. Erst nach einer Restrukturierung im Jahr 2004 wurde aus dem TDM das „Centre de Création Chorégraphique Luxembourgeois“ mit teils neuen Missionen. Zu jenem Zeitpunkt war bereits ein weiter Weg zurückgelegt und echte Pionierarbeit geleistet worden.

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Erstes Studio in einem Fitnesszentrum

„Anfang der 1990er waren wir gerade einmal eine halbe Handvoll Leute, die im Ausland als Tänzer tätig waren und dann in Luxemburg als Choreografen ihre ersten Schritte machten“, erinnert sich Baumgarten. „Hierzulande gab es damals keine Struktur. Wir wurden deshalb im Kulturministerium vorstellig, um erste Schritte in diese Richtung zu unternehmen. Zur gleichen Zeit wurden auch Stimmen aus dem Privatsektor laut, die auf den Bedarf einer solchen Struktur aufmerksam machten. Das Ministerium zeigte sich einverstanden, die Schaffung einer Empfangsstruktur zu unterstützen, deren erste Mission darin bestand, die Gelder zu verwalten, die für die Kreation im choreografischen Bereich zur Verfügung gestellt wurden. So wurde also das damalige TDM im Dezember 1994 aus der Wiege gehoben“, erzählt Baumgarten. Gearbeitet wurde anfangs in einem kleinen Studio mit Büro in der Hollericher Straße, das in einem Fitnesszentrum untergebracht war. „Das war ziemlich abenteuerlich. Zwischen all den muskulösen Männern sind die Tänzerinnen umhergelaufen“, lacht Baumgarten. Danach folgte der Umzug in ein eigenes Studio in der Straßburger Straße.

Langsam, aber sicher konnte der Tanzsektor in den folgenden Jahren den Kinderschuhen entwachsen. 2004 erwies es sich als notwendig, eine nächste Etappe in Richtung Professionalisierung zu nehmen. „Das TDM erfüllte zum damaligen Zeitpunkt eigentlich bereits die Missionen eines Choreografiezentrums. Eine Restrukturierung und ein neuer Name boten sich demnach an, um weitere Missionen erfüllen zu können. So wurde etwa gezielter auf ,Formation continue‘ gesetzt. Von Künstlerresidenz hat damals noch niemand geredet. In der Zwischenzeit war darüber hinaus die Zahl der Choreografen angewachsen. Es war an der Zeit, Kurse – auch für Amateure - und mehr Trainingsmöglichkeiten anzubieten. Gleichzeitig entstand die Kooperation mit dem europäischen Netzwerk ,Aerowaves‘. Das alles funktionierte damals noch ohne künstlerischen Leiter. Christiane Eiffes, unsere heutige Vizepräsidentin, bewerkstelligte diese ganzen Aufgaben und knüpfte die ersten Kontakte mit dem Ausland“, berichtet Baumgarten.

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Erstes Ziel: die Luxemburger zurück ins Land holen

Erst einmal war es nicht das Ziel, lokalen Tänzern beim Aufbau ihrer Karriere zu helfen und ihnen den Weg ins Ausland zu ebnen. „Vielmehr ging es ums Gegenteil, wir waren ja alle im Ausland, hatten dort Engagements in Kompanien, weil es hier keine Tanzszene gab. Unsere Künstler waren ein bisschen durch die ganze Welt verstreut. Den zeitgenössischen Tanz von Luxemburger Künstlern nach Luxemburg bringen und ihnen auch hier eine Plattform bieten, hatte Priorität. Potenzial war durchaus vorhanden, es galt nun aber, die vorhandene Energie in Luxemburg zu vereinen“, bemerkt der künstlerische Leiter des Trois C-L.

Seit dieser Restrukturierung sind 15 Jahre vergangen, und die Entwicklung ist bemerkenswert. Eine entscheidende Etappe wurde 2011 genommen, als das Choreografiezentrum in die renovierte „Banannefabrik“ nach Bonneweg zog. „Das war ein Meilenstein“, kommentiert Baumgarten, „plötzlich hatten wir drei Arbeitsstudios zur Verfügung, demnach viel mehr Platz für unsere Künstler, sodass wir ehrgeizigere und umfangreiche Programme entwickeln konnten, die definitiv ihre Früchte getragen haben“.

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Meilenstein mit dem Umzug in die „Banannefabrik“

Bereits das eingangs erwähnte Projekt „Dance Palast“ war im Kulturjahr 2007 in dem damals leer stehenden Gebäude über die Bühne gegangen. Baumgartens Projekt entstand übrigens im Rahmen einer Künstlerresidenz, was relativ neu in Luxemburg war. „Zwei, drei Monate haben die Künstler an diesem Ort gearbeitet und dem Publikum auch noch täglich Einblick in die Arbeit gewährt“, erklärt er. Ab 2011 gehörten Künstlerresidenzen dann immer mehr zum Standardprogramm, und auch die monatliche Reihe „3 du Trois“ wurde wenig später ins Leben gerufen. „Wir haben gemerkt, dass es ein Publikum gibt, das am Entstehungsprozess interessiert ist. Das hat uns darin bestärkt, nicht nur eine Kreationsstätte zu sein, sondern auch ein ,lieu de sensibilisation‘. Und genau das ist es, was heute die Identität des Trois C-L ausmacht. Hier kann man entdecken und verstehen lernen, was zeitgenössischer Tanz ist, wie eine Kreation funktioniert, wie sie entwickelt wird und welche Künstler dahinter stecken“.

„Gleichzeitig ist es natürlich eine unsere Prioritäten, die Künstler in ihrer Entwicklung zu begleiten und vor allem die jungen Choreografen zu unterstützen. So haben wir 2015 etwa das Projekt ,Emergences‘ für Leute ins Leben gerufen, die noch keine eigene Kreation gemacht haben. Drei bis vier Nachwuchschoreografen bieten wir eine Begleitung über ein ganzes Jahr, um eine Produktion von 20 Minuten auf die Beine zu stellen, die dann hier im Haus aufgeführt wird. Manche der Choreografen, die damals in diesem Rahmen ihre ersten Schritte unternommen haben, sind heute international bekannte und anerkannte Künstler, so etwa Léa Tirabasso, Jill Crovisier oder Simone Mousset“, erklärt Baumgarten nicht ohne Stolz.

Auch die internationale Verbreitung wurde zunehmend wichtiger. Ein entsprechender Posten wurde 2016 geschaffen. Seither kümmert sich ein „Chargé de diffusion“ um die internationalen Kontakte. 2018 wurde das Programm „Dance from Luxembourg“ geschaffen, um noch gezielter in diese Richtung zu arbeiten. „Es ging aber nun nicht ausschließlich um den internationalen Markt, sondern auch darum, den zeitgenössischen Tanz deutlich mehr in unsere Theater- und Kulturhäuser zu bringen. Das ist gelungen. Vom hohen Norden bis in den tiefen Süden ist zeitgenössischer Tanz heute präsent. Das ist großartig“, freut sich Baumgarten. Eine regelrechte „Success Story“ also? „Definitiv“, antwortet er ohne zu zögern, immerhin handele es sich um die jüngste Kunstform, die sich in Luxemburg etabliert habe. „Theater, Bildhauerei, Kino – alles gibt es schon viel länger, doch der zeitgenössische Tanz musste sich erst noch beweisen. Und das hat er, nicht nur dank der Arbeit des Trois C-L sondern auch dadurch, dass wir andere Häuser überzeugen konnten, mit uns zusammenzuarbeiten.“

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Vorurteile abbauen

Sind also alle Berührungsängste inzwischen verschwunden oder hat zeitgenössischer Tanz teils doch noch einen schweren Stand? „Es gibt nach wie vor Territorien, die erobert werden müssen. Da wollen wir uns nichts vormachen“, gibt der Direktor des Trois C-L zu. Es bleibe noch einiges zu tun, weshalb Sensibilisierungsprojekte wie das „3 du Trois“ immer noch wichtig seien. „Wir müssen den Leuten erklären, dass zeitgenössischer Tanz nicht nur die eine Ästhetik ist. Davon einmal abgesehen, entwickelt er sich ständig weiter. Was heute auf der Bühne präsentiert wird, gab es vor fünf Jahren noch überhaupt nicht. Vor einigen Jahren gab es etwa eine Richtung, die man als ,No Dance‘ bezeichnete. Heute hat der Tanz wieder eine Physikalität bekommen, dies nicht zuletzt durch neue Einflüsse. Die Migration darf man in diesem Kontext beispielsweise nicht unterschätzen. Die Leute, die aus afrikanischen oder arabischen Ländern kommen, haben eine ganz neue Energie und Bewegung mitgebracht und der Tanzkultur dadurch einen neuen Impuls gegeben. Die Migration ist ein großer Gewinn für den zeitgenössischen Tanz in Europa“, hebt er hervor.

Und wie sieht es in puncto Nachwuchs aus? „Wie gesagt, Anfang der 90er bestand die luxemburgische Tanzszene aus drei Leuten, heute sind es 50. Was nun wichtig ist, ist die weitere Professionalisierung zugunsten der nächsten Generation. Mit der Plattform ,Les Emergences‘ haben wir eine erste Antwort auf die Nachfrage des Sektors geboten. Bislang haben wir so rund 20 jungen Choreografen die Möglichkeit gegeben, sich zu verwirklichen oder sich zumindest in diesem Kontext auszuprobieren. Nicht alle von ihnen sind Choreograf geworden, das ist auch nicht das Ziel. Manchen ist nach dieser Erfahrung klar geworden, dass sie doch lieber Interpret bleiben. Das ist gut, schließlich brauchen wir auch Tänzer“, gibt er zu bedenken. Gerade sei man dabei, an einer nächsten Etappe zu arbeiten, mit der man im kommenden Jahr richtig durchstarten will. Das neue Programm richte sich an junge Choreografen, die bereits Erfahrung hätten, jedoch kein Haus finden würden, das ihre Projekte produziere. „Da springen wir ein. Ab Ende 2020 werden wir jedes Jahr im Dezember eine Serie an Abenden in der ,Banannefabrik‘ organisieren, während welchen junge Choreografen ihre Arbeit präsentieren können und zu denen wir auch Programmgestalter einladen. Dadurch bekommen sie eine Sichtbarkeit und im besten Fall die Chance, den Weg auf den internationalen Markt zu finden.“

Weg aufs internationale Tanzparkett ebnen

Fuß zu fassen und sich zu etablieren, bleibe derweil immer noch eine Herausforderung, besonders am Anfang. „Das gilt natürlich nicht nur für Luxemburg. Der Markt ist zwar groß, gleichzeitig gibt es aber enorm viele Leute, die den Beruf des Choreografen oder Tänzers anstreben. Bei manchen Auditionen tanzen 500 oder 600 Tänzer für eine einzige freie Stelle vor“, weiß Baumgarten. Was nun aber den Bereich Choreografie anbelange, so sei es unumgänglich, einen fruchtbaren Boden zur Verfügung zu stellen. „Diese Leute müssen ihre Erfahrungen sammeln können. Und es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie gesehen werden“, fährt er fort. Mit dem Programm „Aerowaves“ sei in diesem Kontext ein Meilenstein gesetzt worden. Das europäische Netzwerk, das 1996 gegründet wurde und dem inzwischen 45 Partner aus 33 europäischen Ländern angehören, sieht seine Rolle darin, Nachwuchschoreografen ein Sprungbrett für die professionelle Karriere zu bieten. Die 45 Partner machen jede Saison in ihrem Land vielversprechende junge Talente ausfindig. Die interessantesten Projekte werden zurückbehalten, bis am Ende noch 20 übrig sind: die „Aerowaves Twenty“, die dann von der Plattform unterstützt und europaweit beworben werden. Gleich zwei luxemburgische Choreografinnen, Léa Tirabasso und Anne-Mareike Hess, wurden diesmal in die Top 20 aufgenommen. „Das ist wirklich eine Würdigung der nationalen Tanzszene und eine Bestätigung ihrer Qualität“, meint Baumgarten und sieht solche beispiellosen Erfolge auch als Verdienst des ganzen Teams des Trois C-L. „Vor allem aber ist es der Verdienst der Künstler, die uns vertraut und zugehört haben, Ratschläge befolgt und natürlich auch ein großes Talent haben“, merkt er an.

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Blick in die Zukunft

Trotz vieler Errungenschaften und einer mittlerweile 25-jährigen Geschichte sei man noch nicht angekommen. „Jedes Mal, wenn wir eine Etappe abgeschlossen haben, denken wir das vielleicht, doch drei, vier Wochen später bereits empfinden wir es als arrogant, zu behaupten, wir wären jetzt angekommen“, lacht Baumgarten. „Es gibt immer eine nächste Etappe. Manche unserer Choreografen haben es geschafft, nun gilt es, die nächsten zu fördern und unsere Programme vielleicht noch einmal anzupassen, besonders übrigens auch jene für die Nachwuchstänzer, um auch sie besser auf den internationalen Markt vorzubereiten.“

Zum Glück kann das Trois C-L auf das Kulturministerium zählen, das vor wenigen Tagen eine ganze Reihe an Unterstützungsmaßnahmen für nächstes Jahr zugesichert hat. Darüber hinaus stelle sich die Frage, ob sich nicht eine erneute Restrukturierung als nötig erweise. „Wir streben neue Programme an, wollen neue Ideen umsetzen und noch mehr Wert auf die Sensibilisierung legen. Vielleicht wäre jetzt der Moment gekommen, zu einem richtigen Tanzhaus zu werden und uns mit weiteren Missionen neu in Luxemburg zu positionieren, insbesondere, da wir künftig die Zahl der Vorstellungen nach oben schrauben wollen“, überlegt Baumgarten. Die Zukunft in der „Banannefabrik“ sei jedenfalls erst einmal gesichert, obwohl zwischendurch immer mal wieder Gerüchte nach anderen Plänen für das Gebäude die Runde gemacht hatten. „Das steht im Moment nicht zur Diskussion. Unsere neuen Projekte erfordern aber eine baldige Anpassung der Infrastruktur. Wir brauchen beispielsweise bessere Böden. Derzeit sind es Holzböden, die sich aber nicht wirklich für den Tanz eignen. Auch auf technischer Ebene könnte etwas passieren. Mehr Platz für das Publikum wäre ebenfalls gut. Wir haben lediglich 75 Plätze zur Verfügung, würden uns aber 120 bis 130 wünschen.“

Ein Fest für die Künstler

Am vergangenen Dienstag stand erstmal eine Geburtstagsfeier an, dies aber nicht im zu großen Rahmen, wie der künstlerische Leiter uns im Vorfeld erklärte: „Die Feier ist vor allem für die Künstler gedacht. Sie wollen wir in den Vordergrund setzen, denn ohne sie wären wir nichts. Es ist also ein Fest für die Künstler.“

Alle Informationen unter www.danse.lu