LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Wirtschafts- und Sozialrat nimmt Branche unter die Lupe und spricht Empfehlungen aus

Haus des permanenten Sozialdialogs“ nennt sich der seit 1966 bestehende Wirtschafts- und Sozialrat (WSR), der als beratendes Gremium der Regierung aus der Taufe gehoben wurde. Doch in den Jahren 2010 und 2011, nach mehreren gescheiterten Tripartiten, war auch im WSR, der sich aus Vertretern von Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgeberorganisationen zusammen setzt, der Sozialdialog auf dem Gefrierpunkt angekommen. Um aus der Blockadesituation herauszukommen, gab sich die Institution 2012 ein Arbeitsprogramm, das sich mehr den langfristigen strategischen Herausforderungen für das Großherzogtum in einer Nachhaltigkeitsperspektive widmen sollte. Dazu gehört vor allem auch die eingehende Analyse der verschiedenen Wirtschaftszweige.

3.153 Unternehmen, 23.000 Mitarbeiter

Nachdem im Juli 2014 die Berichte über den Finanzsektor und die Industrie erschienen sind, stellte der WSR gestern die Studie über den Einzelhandel vor, eine Branche, die 2014 3.153 Unternehmen (davon 74 Prozent mit weniger als fünf Arbeitnehmern) mit insgesamt 23.000 Mitarbeitern zählte, ein Plus von 11,3 Prozent gegenüber 2009. Während das Umsatzvolumen seit 2000 um 19,6 Prozent - um den gleichen Prozentsatz stieg übrigens auch die Bevölkerung - im Einzelhandel gestiegen ist, hat es seit Anfang des Jahres einen Einbruch von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr gegeben.

Die Branche generiert über 238 Millionen Euro an Mehrwertsteuereinnahmen, 6,1 Prozent des Totals. Wie die Studie zeigt, gaben die Haushalte 2013 im Durchschnitt zwar über 58.000 Euro jährlich aus, aber nur knapp 16.500 fliossen in den luxemburgischen Einzelhandel. Im Vergleich: Vor der Krise von 2008 gaben die Haushalte im Durchschnitt fast 59.000 Euro jährlich aus; damals flossen noch knapp 18.100 Euro in den Einzelhandel.

Die Ursachen für diesen Rückgang liegt in der Konkurrenz auf verschiedenen Ebenen: Während die Kaufkraft allgemein nicht gesunken ist, geben die luxemburgischen Haushalte seit Anfang 2013 durchschnittlich mehr im Ausland aus - vor allem im nahen Deutschland - als im hiesigen Einzelhandel.

Auch der zunehmende elektronische Handel bereitet der Branche Sorgen. Bei der Entwicklung der Konsumgewohnheiten spielen aber auch psychologische Faktoren (Krisen, Kriege, Steueranhebungen) und die Multikulturalität des Landes, das mittlerweile 47 Prozent Nicht-Luxemburger zählt. Sich auf deren Gewohnheiten einzustellen, ist eine der Herausforderungen für den Einzelhandel. Dazu gehört aber auch die Service- und Produktqualität, die Erreichbarkeit durch den öffentlichen Transport, die Öffnungszeiten, die Wahrung eines Mehrwertsteuersatzes, der unter jenen der Nachbarländer liegt und ein besserer Zugang der Einzelhändler zu den großen Einkaufsplattformen.

Viel Wert auf Aus- und Weiterbildung legen

Laut WSR muss den Betrieben bei der Ausarbeitung ihrer Web-Strategien unter die Arme gegriffen werden. Angeregt wird ein Portal, um den Zugang zum E-Commerce zu vereinfachen. Gemeinsame Anstrengungen müssten weiter in Sachen Marketing und Kommunikation unternommen werden. An die Regierung ergeht in diesem Sinne der Appell, die Programme, die während der Initiative „Pôle de Commerce de la Grande Région“ ausgearbeitet wurden, weiter zu unterstützen. Francine Closener, die Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium hatte am vergangenen Samstag in der Luxexpo ein Unterstützungsprogramm für den Einzelhandel angekündigt. Viel Wert gelegt werden müsse auch auf die Aus- und Weiterbildung. In diesem Sinne plädiert der WSR für die Einsetzung eines „Institut paritaire sectoriel“, das die Branche permanent analysieren und Vorschläge unterbreiten soll, wie sich der Sektor besser aufstellen kann.
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