SIMONE MOLITOR

Schubladen für Mann und Frau sind heute nicht mehr derart strikt voneinander getrennt, wie das noch vor Jahrzehnten der Fall war. Waren früher zwei verschiedene Schränke nötig, so sind die Schubladen inzwischen näher zusammengerückt und finden meist Platz im selben Möbelstück. Weg sind sie aber nicht. Wir sind Schubladendenker, können uns der Macht des Klischees nicht immer entziehen. Wir wollen Stereotypen abbauen, bleiben ihnen aber trotzdem treu. Wer ist schuld? Eltern? Schule? Oder letztendlich die ganze Gesellschaft?

Die Zweiteilung der Welt beginnt oft bereits an der Wiege des Kindes. Eine geschlechtsneutrale Erziehung wäre das Ideal, in der Realität bewegt sie sich trotzdem irgendwann in zwei unterschiedliche Richtungen, eine für Jungs und eine für Mädchen. Ab dem Teenageralter wird ein anderes Verhaltensmuster erwartet. Als heranwachsende Frau wird man plötzlich viel häufiger zur Vorsicht ermahnt, denn die Welt ist ein gefährlicher Ort. Ein gewisses Unsicherheitsgefühl wird uns anerzogen, Eine männliche Begleitperson sollte abends Voraussetzung sein. So wird es uns vermittelt. So bliebe es auch bei der klassischen Rollenverteilung: Der Mann ist der Beschützer, die Frau das schwache Geschlecht.

Braucht eine Frau wirklich einen Bodyguard, wenn sie abends durch die Straßen gehen will? Fakt ist wohl, dass man als Frau im öffentlichen Raum nicht selten in unerfreuliche Situationen gerät. „Kss kss“-Geräusche und Pfiffe sind da noch das geringere Übel, in gewisser Weise Komplimente der primitiven Art. Sobald schlüpfrige Sprüche hinzukommen und sich die andere Person - die nun einmal meistens männlich ist - an die Sohlen der Frau heftet, wird es richtig unangenehm. Angst macht sich breit. Wie viel Klischee steckt in diesen Zeilen? Keine Spur. Der Erziehung wegen fühlt sich eine Frau ohnehin abends in den Straßen etwas unsicher, zum anderen ist diese verbale Form der Gewalt aber auch eine Realität.

Um gezielter auf dieses Problem aufmerksam zu machen, hat die Aktionsplattform zum Internationalen Frauentag in Luxemburg den öffentlichen Raum in den Fokus ihrer diesjährigen Kampagne gerückt. Gefordert wird „das Recht der Frauen, sich bei Tag und Nacht, überall und ohne Einschränkungen sowie ohne Übergriffe frei und sicher bewegen zu können“. Verlangt wird in diesem Kontext eine stärkere Berücksichtigung der Sicherheitsbedürfnisse von Frauen und allgemeiner eine gender-sensible Stadtplanung. Der öffentliche Raum soll also frauengerechter und vor allem sicherer werden. Weiträumige Plätze statt dunkler Flecken könnten dazu beitragen, genau wie eine bessere Beleuchtung.

Wie aber sollte damit das eigentliche Problem gelöst werden? Dass Frauen blöd angemacht werden und ihnen komische Gestalten folgen, wenn sie nachts allein unterwegs sind? Eine bessere Straßenbeleuchtung führt noch lange nicht zu der Erleuchtung, dass man als Mann derartige Dinge unterlassen sollte. Hier müsste in der Tat früher angesetzt werden, in der Erziehung und in der Schule, wo schließlich der Grundstein für das spätere Verhalten gelegt wird. Wohlerzogene und aufgeklärte Jungs mutieren nämlich eher selten zu hirnlosen Steinzeitmenschen. Diese Schublade darf in der Erziehung also ruhig geöffnet werden.