LUXEMBURG
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Buchvorstellung „Die Schule der Nation“: Das nationale Schulsystem, analysiert im Wandel der Zeit

Von der Unabhängigkeit des Großherzogtums im Jahr 1839 über die ersten großen Schulreformen nach dem Zweiten Weltkrieg bis hin zur Gründung der nationalen Universität: „Es ist schon eine gewisse Bandbreite, die wir mit den unterschiedlichsten Beiträgen in unserem Buch ‚Die Schule der Nation‘ abdecken, das so quasi einen umfangreichen Sammelband darstellt“, erzählt der Herausgeber Dr. Thomas Lenz, der als „Research Scientist“ an der Universität Luxemburg arbeitet und auch den Nationalen Bildungsbericht für das Großherzogtum koordiniert. Das Grundkonzept des Buches „Die Schule der Nation“ orientiere sich nach Lenz an zwei größeren Forschungsprojekten, die an der Universität Luxemburg zum Abschluss gebracht worden sind. „Zum einen wäre da das Projekt ‚Schooling as Institutional Heritage in Cultural Settings‘(SIHICS) zu nennen, das von 2010 bis 2013 durchgeführt wurde“, sagt Lenz, zum anderen das Projekt „Educating the future citizens: Curriculum and the formation of multilingual societies in Luxembourg and Switzerland“ (EFC-LS), das in den Jahren 2013 bis 2016 abgeschlossen wurde.

13 Kapitel, 13 Arbeiten

Beide Projekte, finanziert beziehungsweise mitfinanziert vom luxemburgischen „Fonds National de la Recherche (FNR)“, würden auf innovative Art an unterschiedliche historische und soziologische Ansätze anknüpfen, sagt Lenz. So wird hier unter anderem die Entwicklung des Schulsystems in Luxemburg als „ein Prozess untersucht, der von komplexen Verhandlungen zwischen globalen und lokalen Akteuren geprägt ist“, erklärt der Wissenschaftler. Dabei habe sich das Großherzogtum stets auf der Internationalen inspiriert und entsprechende Ideen national umgesetzt, erklärt Lenz.

In 13 Kapiteln, eigenständige Arbeiten, teils Dissertationen, ist das Buch aufgeteilt. In Kapitel 1 untersucht Geert Thyssen die unterschiedlichen Rechtsrahmen, auf denen das Schulsystem Luxemburgs historisch gesehen beruht. Daniel Tröhler beleuchtet die Motive, Argumente und organisatorischen Grundlagen für ein modernes Bildungssysteme im frühen 19. Jahrhundert. In Kapitel 3 liefert Fernand Fehlen eine Darstellung der luxemburgischen Idealvorstellung von Mehrsprachigkeit aus historischer Sicht.

Ragnhild Barbu befasst sich mit der Institutionalisierung der Primärbildung in Luxemburg. Als Fallstudie dient ihm der Religionsunterricht. Catherina Schreiber beleuchtet „die Spannungen zwischen den Frauen als Staatsbürgergruppe und der widersprüchlichen Debatte über deren gesellschaftliche Funktion im luxemburgischen Bildungswesen, insbesondere in der Schulbildung für Mädchen im 19. und 20. Jahrhundert“, wie Lenz ausführt.

Matias Gardin, Ragnhild Barbu und Barbara Rothmüller analysieren Lehrer-Zeitschriften in Luxemburg aus den Jahren 1892 bis 1939. Peter Voss erörtert darüber hinaus die Bedeutung der zwischen 1844 und 1942 herausgegebenen Lehrerzeitschrift „Luxemburger Schulbote“ für die Erforschung der Bildungsgeschichte. Alexander Friedman stellt einen Zusammenhang zwischen dem Bildungswesen Luxemburgs und den Entwicklungen in der Sowjetunion in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts her.

Passende thematische Sammlung

Die zentrale These von Kapitel 9, dem Beitrag von Anne Rohstock und Thomas Lenz, „besteht in der Positionierung Luxemburgs im größeren Kontext der Internationalisierung der Bildungsreformen in den Nachkriegsjahren von 1945 bis 1970“, wie Lenz selbst beschreibt. Matias Gardin ergründet in seinem Beitrag die Fragestellung, warum der Bildungspolitik bei den Parlamentswahlen von 1974 in Luxemburg eine besondere Bedeutung zukam. Catherina Schreiber und Anne Rohstock analysieren die Studentenmigration in Luxemburg in den vergangenen 150 Jahren. Sie beschreiben, „wie die historische Praxis der Ausbildung im Ausland - in Ermangelung einer nationalen Universität bis zum Jahr 2003 - jungen Luxemburgern Partizipationsmöglichkeiten und Zugang zu Positionen mit gesellschaftlicher Macht eröffnet hat“, erklärt Lenz.

Nadine Geisler zeigt im Kapitel 12, wie die sogenannte Holocaust-Education in Luxemburg in der gesamten Nachkriegszeit deutlich zugenommen hat. Im letzten Kapitel betrachtet Anne Rohstock die Expertennetzwerke und Wissenschaftsgemeinden in Luxemburg von 1839 bis zur Gründung der Universität Luxemburg im Jahr 2003. „Für den, der sich für die Thematik interessiert, eine passende Sammlung“, erzählt Lenz - und für die Autoren eine Chance, ihre Arbeit gesammelt zu präsentieren und diese einen breiteren Publikum zugänglich zu machen.


Gardin/Lenz: Die Schule der Nation,

ISBN 978-3-7799-3771-5; Beltz Juventa