Seit geraumer Zeit spielen sich an der innereuropäischen Grenze zwischen Frankreich und Großbritannien Szenen ab, die sehr bildhaft den Begriff der „Festung Europa“ illustrieren. Wenig zur Sache tut dabei, dass sich auch an der südosteuropäischen EU-Grenze der neue Mitgliedstaat Ungarn zu Serbien hin regelrecht einigelt, um ja nur keine Flüchtlinge über diesen Weg durch zu lassen, nachdem man sich schon in der Vergangenheit als unfähig erwiesen hat, die Problematik der „internen Flüchtlinge“ aus Roma und Sinti auf menschenwürdige Weise in den Griff zu bekommen.
Sowohl von Franzosen als auch von Briten hätte man sich aufgrund der dort verwurzelten Traditionen im Umgang mit Freiheit und Menschenrechten ein völlig anderes Auftreten erwartet als die resolute Blockadehaltung, die an der Trasse des Kanaltunnels Tag für Tag unter Beweis gestellt wird. Beide Staaten hatten im Verlauf des 20. Jahrhunderts in Europa quasi als Garanten von Menschenrechten, Respekt vor dem Leben und Wahrung der demokratischen Freiheiten gestanden.
Sollten dieses tugendhafte staatliche Selbstverständnis inzwischen vollständig unter die Räder gekommen sein, um einzig und allein noch nationalen - nationalistischen? - Zielen und Vorsätzen zu genügen? Perfekter könnte der Widerspruch zu einer Zeit vor den siebziger und achtziger Jahren nicht sein!
Dabei stellten sich gerade im Zusammenhang mit den beiden „grandes nations“ und der aktuellen Flüchtlingsproblematik noch eine ganze Reihe anderer Fragen, die geschichtlich noch etwas weiter zurückreichen. Waren es nicht gerade Engländer und Franzosen, die, neben einzelnen kleineren europäischen Staaten, noch über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hinaus ganz Afrika, den größten Teil des Nahen und Mittleren Ostens, sowie größere Gebiete Ostasiens unter ihrer kolonialistischen Fuchtel hielten und schamlos ausbeuteten?
Wurde nicht der bis ins letzte Jahrhundert hinein anhaltende Reichtum von Frankreich und Großbritannien zu wesentlichen Teilen durch Plünderung von natürlichen Reichtümern in diesen entlegenen Regionen der Welt finanziert, ohne die geringste Rücksicht auf die Bedürfnisse der dort lebenden Menschen?
Tragen nicht auch beide Länder wesentlich Mitschuld an fortwährenden Krisen und Bürgerkriegen zwischen verfeindeten Stämmen, weil zur Kolonialzeit die Grenzen zwischen afrikanischen und asiatischen Staaten weniger mit Rücksicht auf Stammeszugehörigkeiten als vielmehr aufgrund einer Einigung über Interessensphären gezogen wurden?
Die dort geschaffenen Tatbestände haben aber wiederum wesentlichen Anteil daran, dass viele Staaten in Afrika immer noch nicht unter den Bedingungen leben können, die ihnen eine gewachsene Volksgemeinschaft eigentlich erlauben müsste.
Vor diesem Hintergrund mutet die Flüchtlingspolitik der beiden EU-Partner nicht nur befremdend an, Sie beschämt vielmehr auf ganz besondere Weise.


