LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Wie der „Shinkansen“ zum Rückgrat der japanischen Eisenbahn wurde

Fauchend schießt die weiße Schlange durch die Ebenen vor den Toren Tokios. Das Auge des Beobachters hat kaum Zeit, sie richtig zu erfassen, denn „Shinkansen“ - japanisch für „neue Stammstrecke“ - ist mit fast 300 km/h unterwegs. Auch dem Passagier an Bord des japanischen „Bullet Trains“ fällt es bei dieser Geschwindigkeit schwer, die Landschaft zu fokussieren.

Erster Versuch 1940

Vom äußerten Süden der Insel bis nach Hokkaido im Norden reicht das mittlerweile über 2.400 Kilometer umfassende „Shinkansen“-Netz, das ständig ausgebaut wird. Vor 50 Jahren, am 1. Oktober 1964 - wenige Tage vor der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele, verkehrte der erste Hochgeschwindigkeitszug auf der 515 Kilometer langen Verbindung zwischen Tokio und Osaka - damals mit 220 km/h Spitze. Nach mehreren Jahren Planung waren 1959 die Arbeiten an dem 548 Millionen Dollar teuren Bauprojekt aufgenommen worden, für das mehr als 18 Kilometer Brücken und 80 Tunnels errichtet werden mussten. Die Idee einer solchen Strecke war freilich nicht neu: Bereits 1940 hatten Bauarbeiten für eine normalspurige Hochgeschwindigkeitsverbindung - im hügeligen Japan wurde seit dem 19. Jahrhundert fast ausschließlich auf Schmalspurbahnen zurückgegriffen - begonnen. Durch den 2. Weltkrieg kam es aber nie zur Fertigstellung.

„Neue Stammstrecke“ wird ein Riesenerfolg

Nach dem blutigen Konflikt griffen Regierung und Ingenieure die Idee aber bald wieder auf. Nicht zuletzt wegen dem schnell wachsenden Verkehrsaufkommen, das durch Japans wirtschaftlichen Aufschwung angetrieben wurde. Den Überlegungen entgegen kam zum einen, dass ein Großteil der Grundstücke für den Bau der Strecke Tokio-Osaka sich durch das Projekt von 1940 bereits in Staatsbesitz befand; zum anderen hatte die Triebwagentechnik in diesen Jahren entscheidende Sprünge gemacht. Das Projekt „Shinkansen“ wurde zu einer Priorität, sollte es doch zum Rückgrat des öffentlichen Transports in Japan werden. Ein Blick auf die Karte verdeutlicht, dass diese Ambition erreicht wurde. Allein auf der Tokaido-Linie zwischen Tokio und Osaka waren in den letzten 50 Jahren 5,5 Milliarden Passagiere unterwegs. Zehn Milliarden, so wird geschätzt, wurden bislang auf dem gesamten „Shinkansen“-Netz transportiert.

Auf der Tokaido-Linie werden heute täglich bis zu 323 Fahrten angeboten. Die Züge mit ihren bis zu 16 Waggons fassen über 1.300 Passagiere. Die absolut damit rechnen können, ihr Ziel pünktlich zu erreichen: Laut der japanischen Eisenbahngesellschaft erreichen alle „Shinkansen“ zusammen gerechnet täglich weniger als fünf Minuten Verspätung.

Überpünktlich und äußerst sicher

Möglich ist eine solche Performance natürlich lediglich durch ein eigenes Schienennetz, das vom herkömmlichen Nah- und Schienenverkehr abgetrennt ist, durch eine fast durchgängige Einzäunung der Strecken und eine vorzügliche Wartung von Schienen und Fahrmaterial. Japan gilt nicht umsonst als das Land mit dem qualitativ hochwertigsten Eisenbahnnetz. Unschlagbar ist auch die Sicherheitsbilanz des „Shinkansen“.

Am 23. Oktober 2004 kam es zu dem bislang einzigen Unfall im Fahrgastbetrieb in Folge eines Erdbebens. Der Zug entgleiste fast völlig, zu Schaden kam aber niemand. Auch und vor allem weil das Erdbebenwarnsystem des „Shinkansen“ bereits vor den schlimmsten Erschütterungen eine automatische Vollbremsung eingeleitet hatte.

Der japanische Hochgeschwindigkeitserfolg inspirierte natürlich weltweit. Vor allem in Europa wurden eine Reihe von Projekten angeleiert. Besonders Frankreich und Italien sprangen schnell auf den Zug auf. •