ELLERGRONN (ESCH/ALZETTE)
PATRICK WELTER

Vom Tagebau zu Biotopen - Konvention für Natura-2000-Komitees unterzeichnet

Es ist heiß hier, sogar verdammt heiß. Am Rand sorgt die üppige Vegetation einigermaßen für Schatten, aber die Hitze steht über den mageren Flächen in der Mitte. Einzelne Büsche und Bäume ragen dort hervor. Unberührte Natur, wie im Aufmacherfoto zu sehen ist? Nicht so wie man es zunächst glaubt. Noch vor 50 Jahren gruben sich hier die Bagger im Tagebau durch die rote erzhaltige Erde. In den Tagebaugruben ohne Baum und Strauch muss damals eine Hitzewelle für die Arbeiter völlig unerträglich gewesen sein.

Rückeroberung

Gestern Morgen war es Umweltministerin Carole Dieschbourg, die zu einer Vertragsunterzeichnung in diesen Hitzekessel eingeladen hatte. Dort, im „Ellergronn“ im Süden von Esch/Alzette hat sich die Natur das einst entrissenen Gelände wieder zurückerobert. Anstelle von öden Steinflächen haben sich Pionierpflanzen und Trockenrasen im positivsten Sinne breit gemacht. Der Laie, der hier spazieren geht, merkt nicht, dass er durch eine Natur 2.0 wandert. Eine Natur, die sich selbst regeneriert hat. Laut Naturverwaltung ist in den 1970er Jahren aufgelassenen, oberirdischen Erzgruben über fast fünf Jahrzehnte hinweg ein ganz ungewöhnliches Biotop von europäischem Rang entstanden. Die unterirdischen Stollen, die noch nicht alle gesichert sind, haben sich zu idealen Rückzuggebiete für Fledermäuse, insbesondere für den Winterschlaf entwickelt.

Schutz und Nutzung unter einem Hut

Heute handelt es sich bei diesen Gruben um ausgewiesen „Natura 2000“-Zonen, die als geschützter Naturstandort und als Erholungsort für die Menschen der Umgebung und aus dem ganzen Land dienen sollen. Dafür müssen sowohl die industriegeschichtlichen Denkmale, als auch die Rechte der alteingesessenen Landwirte in der Umgebung berücksichtigt werden. Es geht darum, alle Akteure für den Erhalt der besonderen Natur in den alten Erzgruben an einen Tisch zu bekommen. Das dafür ausgewählte Instrument sind Leitungskomitees (Comités de Pilotage) für die Natura 2000 Gebiete.

Gestern wurde dieses Konzept des Naturschutzgesetzes zum ersten Mal mit der formalen Gründung des Leitungskomitees „Ancien sites miniers.“ Insgesamt sind acht solcher Komitees für ganz Luxemburg vorgesehen, übrigens sind 27 Prozent der luxemburgischen Fläche als Natura 2000 - Raum ausgewiesen.

Dieschbourg erläuterte, dass in dem Komitee für die alten Industriegruben, die Naturschutzverwaltung, Kommunen, der Stahlkonzern ArcelorMittal, Naturschutzorganisationen, Tourismusverbände etc. vertreten sind, sogar das UNESCO-Komitee ist dabei. Es verwunderte also nicht, dass es bestimmt zwanzig Personen waren die gestern die nötige Konvention unterzeichneten. Die Besitzverhältnisse gliedern sich in ein Drittel Staat, ein Drittel Kommunen, 20 Prozent ArcelorMittal und zehn Prozent Privatbesitz.

Naturschutz ohne Käseglocke

Es geht dabei darum, einen Naturschutz ohne Käseglocke zu gewährleisten. Natur schützen und gleichzeitig die Natur zu genießen ist das Ziel. Dabei bleibt die Natur nicht sich selbst überlassen. Ließe man der Natur ihren freien Lauf, wären die alten Gruben irgendwann von dichten Wäldern bedeckt. Um den Lebensraum für Trockenrasengesellschaften, Eidechsen und Schlangen zu erhalten, wird alle paar Jahre der Radlader anrücken und an verschiedenen Stellen die angewachsen Humusschicht abtragen und den ein oder anderen Baum - gezielt und überlegt - umreißen.

Erzgruben: Acht Natura 2000 Zonen

Das Leitungskomitee „Ancien sites miniers“ wird sich um acht Natura 2000 Gebiete mit einer Fläche von 3.390 Hektar kümmern. Die sind im Einzelnen: Differdingen Ost - Prenzebierg; Esch/Alzette Südost - Ellergronn; Düdelingen - Haardt; Düdelingen - Ginzebierg; Waldgebiet Waal; Differdingen - Gruben der Umgebung (Giele Botter, Tillebierg etc).